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Freiheit durch Einschränkung

erschienen in Clara, Ausgabe 19,

Die jüngste Nuklearkatastrophe bestärkt die Einsicht, dass wir alle Energie sparen müssen. Ein Essay von Daniela Dahn.

Die von Fukushima ausgehende Verheerung wird noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte spürbar sein – auf dem ganzen Globus, mehr oder weniger stark. Seismologen haben eine Katastrophe dieses Ausmaßes durchaus für möglich gehalten, schätzen sie doch das Erdbeben von Lissabon aus dem Jahr 1755 auch auf die Stärke 9. Und was einmal passiert ist, noch dazu in einer seismisch nicht besonders aktiven Region, kann sich immer wiederholen. Doch das Risiko, den Profit zu schmälern, hielten die Atomspalter für größer als das Risiko eines Ökozids.


Jetzt ist von emotionalem Ausnahmezustand die Rede. Auch der Zivilschutz im reichen Japan erweist sich als minderbemittelt: Warum haben die Technologen nicht vorsorglich ferngesteuerte Roboter entwickelt? Warum sind die Krankenhäuser auf Strahlenkontrollen nicht vorbereitet und die Trinkwasserreserven so schnell erschöpft? „All das ist eine Tragödie, aber sie könnte eine Chance für uns sein, um wieder zur Vernunft zu kommen“, schreibt die Filmemacherin Chikayo Morijiri.


Vernünftig ist, nicht im Widerspruch zu seinen Erkenntnissen zu leben. In diesem Fall also eine Abkehr von der aberwitzigen Zukunftsblindheit, Marktgesetze vor Naturgesetze zu stellen und zu glauben, sich die Erde untertan machen zu können. Ist Leid der einzige Lehrmeister der Menschen? Plötzlich schwören alle auf erneuerbare Energien. Dieses Umdenken ist erfreulich, aber wir lügen uns wieder in die Tasche, wenn wir uns einbilden, allein damit der Dimension des Dilemmas gerecht zu werden. Denn schneller als Energien erneuern sich immer noch die Wachstumswünsche.


Zumutbarer Verzicht


Wo sind die Politiker, die die Gunst des emotionalen Ausnahmezustandes nutzen, um Mehrheiten davon zu überzeugen, dass wir alle Energie sparen müssen? Nicht auszuschließen, dass die Bereitschaft der Bürger dafür längst größer ist, als Politiker zu testen wagen. Wenn schon eine Koalition der Willigen, dann für einen Wandel im Konsum. Es gibt keine Energie, die nicht ihren Preis hat. Selbst für Sonnenkollektoren müssen, wenn auch in vergleichsweise kleinen Mengen, Bodenschätze wie Silber, Zink, Zinn, Aluminium und Silicium gewonnen werden, deren Abbau Energie frisst und Landschaften zerstört. Eine Wirtschaft, die die Kosten für den Naturverbrauch nicht mitberechnet, arbeitet mit Verlust. Ein Verlust, der sich letztlich in abnehmender Lebensqualität bemisst. Für den hochradioaktiven Müll, den die Menschheit bereits produziert hat, so haben Fachleute berechnet, wird noch eine Million Jahre nach sicheren Lagermöglichkeiten gesucht werden müssen. Ohne radikale Eingriffe jetzt, werden kommende Generationen uns verfluchen.


Warum nicht zum Beispiel einen (möglichst europaweiten) Gesetzesentwurf anregen, der jedem Bürger eine lebensnotwendige Menge Energie zu einem erschwinglichen Preis garantiert, aber alles dieses Maß Übersteigende teuer werden lässt? Allein die deutschen Stand-by-Geräte verbrauchen die Leistung eines Atomkraftwerks. Priorität hätte die Einsparung von Transport. Mobilität kann stressfrei verlagert werden, von der Start- und Autobahn auf den Skype-Bildschirm. Flugkilometer sollten nicht Punkte bringen, sondern kosten. Wenn die Billigrouten an die Adria wegfielen, würde man in den heißer werdenden Sommern folgenreich darüber nachdenken, wie schön das Bad in einer kristallklaren Spree oder Elbe wäre. Bevor es sich durchsetzt, wäre das 3-Liter-Auto schon überholt, wenn der Null-Emissionswagen steuerbegünstigt würde. Wozu die enorm stromfressenden Wäschetrockner, wenn die Aufgabe kostenlos der Luft überlassen werden kann? Unverantwortlich die Heizpilze auf Bürgersteigen und Balkonen, lächerlich die Lärm und Gestank verbreitenden Laubsauger.


Bevor über derart zumutbaren Verzicht auch nur nachgedacht werden kann, wird dergleichen schon als Öko-Diktatur denunziert. Genießt die Diktatur der organisierten Verantwortungslosigkeit immer noch größere Akzeptanz? Die Freiheitsvorstellungen von Goethe, Engels und Hegel hatten den gleichen Kern: Freiheit nicht nur als Einsicht in die Notwendigkeit, sondern als das Vermögen, unter allen Umständen nach dieser Vernunft zu handeln. Werte Volksvertreter, werden Sie Freiheitskämpfer in diesem klassischen Sinne!

 

Daniela Dahn ist Schriftstellerin, Journalistin und Herausgeberin der Wochenzeitung „Der Freitag“.

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