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Frauen sprechen selbst Recht

erschienen in Lotta, Ausgabe 7,

„Shortcut to Justice“ ist so unendlich schön und traurig zugleich. Traurig, weil die Kamera es aushält, uns in die müden Gesichter der Frauen und Kinder schauen zu lassen. Gesichter, die von Prügel, von Demütigung, Hunger, sexueller Gewalt erzählen, von der bitteren Erfahrung als Frau und Mädchen in der indischen Gesellschaft wertlos zu sein. Und gleichzeitig ist der Dokumentarfilm so wunderschön, so kraftvoll, weil genau diese Frauen aufgehört haben, duldsam ihr entrechtetes Leben hinzunehmen. Sie haben gelernt, ihre Stimme zu erheben, ihr Leid öffentlich auszusprechen, ihre Rechte einzuklagen. Geschafft haben sie das mit Hilfe der „Frauen für Gerechtigkeit“ und den Frauengerichten „Nari Adalat“. Daniel Burkholz, Dokumentarfilmer, und Sybille Frezer, Mitstreiterin von medica mondiale, waren mit beiden Gruppen unterwegs: auf staubigen Straßen, auf lauten Plätzen, unter schattigen Bäumen in Dörfern und in den Armenvierteln großer Städte. Sie dokumentieren wie die „Frauen für Gerechtigkeit“ kurzerhand vor das Haus einer Familie fährt, die die Schwiegertochter samt Kind hinausgeworfen hatte. Als Witwe  war sie „lästig“ geworden und wurde verjagt. Die couragierten „Frauen für Gerechtigkeit“ begleiten sie in das Haus, holen Kleidung, Hausrat, Möbel, ihren gesamten Besitz zurück. Oder Rehana. Sie war inzwischen Mutter eines dritten Mädchens. Wieder keinen Sohn, für den Ehemann Grund genug, sie brutal und blutig zu prügeln. „Nari Adalat“ – die Laienrichterinnen - verhandeln ihren Gerichtsfall öffentlich. Unter den Augen und Ohren der Nachbarn.

„Shortcut to  Justice“ spart sich jeglichen Filmkommentar. Es sind die Bilder, die sprechen und die Frauen. Frauen, die zunächst selbst Opfer waren, jedoch die Erfahrung machten, was es heißt, wenn andere Frauen Beistand leisten. Das schweißt sie zusammen, sie wehren sich und sie über Kasten- und Religionszugehörigkeit hinweg eine Macht geworden. Eine Kraft, die nicht mehr zu ignorieren ist. Ein sehr  berührender, authentischer Dokumentarfilm. Unbedingt ansehen.

Gisela Zimmer
Mehr Informationen unter: roadside-dokumentarfilm.de

 

„Pink Sari“ – Indiens Frauen in rosafarbenen Gewändern lehren den Männern das Fürchten

Gulabi heißt rosa. Rosa ist die Farbe der Weiblichkeit und in Indien wurde sie zum Symbol der Frauenbewegung Gulabi Gang. Gulabi Gang ist eine Frauen-Selbstschutztruppe, entstanden 2006 in einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, in Uttar Pradesh. Angeführt wird diese Bewegung „von unten“ von Sampat Pal, eine charismatische Frau, Mutter von fünf Kindern, einst Analphabetin, brachte sie sich selbst das Lesen und schreiben bei und mit zwölf Jahren wurde sie zwangsverheiratet. Gewalt, familiäre und soziale, politische Korruption, polizeiliche Willkür  - dieses dicke Geflecht patriarchaler Strukturen kennt Sampat Pal nur zu genau. Sie und ihre Anhängerinnen wissen, wenn sie nicht selbst für ihre Rechte kämpfen, macht es in Indien niemand für sie. Keine Justiz, kein Bürgermeister, kein Polizist. Und so zieht die „Rosa Gang“ mit ihren leuchtenden Saris und Bambusstöcken in der Hand durch die Dörfer und Regionen, um faire Prozesse für geschundene, eingesperrte, geschlagene, rechtlose Frauen zu erreichen. Und um Stück für Stück ein Umdenken zu erreichen: Bei den Frauen selbst, in den Familien, vor allem bei den Männern. Die Frauen in Pink zählen inzwischen 150 000 Anhängerinnen und sie sind gefürchtet bei Politikern und Polizisten. Amana Fontanelle-Khan, Journalistin, in Österreich geboren und schon lange mit Frauenrechtsthemen beschäftigt, setzte diesen lebensklugen und unerschrockenen Frauen mit ihrem ersten Buch ein Denkmal.  Sie schrieb die Geschichte von Sampat Pal, der Gulabi Gang, den Anfängen der Protestbewegung und ihren Erfolgen auf. „Pink Sari Revolution“ – im Februar im Hanser Literaturverlag erschienen - erzählt von Frauen, die nicht nur Opfer, sondern stark und engagiert sind. Von Frauen, die sich wehren und die ihre Macht und ihre Fähigkeiten erkennen. Amana Fontanelle-Khan, die Buchautorin, ist mittlerweile selbst eine dieser Pink-Sari-Frauen. Die Gulabi Gang nahm sie als Ehrenmitglied auf.

 

Pink Sari Revolution
Amana Fontanelle-Khan
272 Seiten, 19,90 €
Hanser Berlin

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