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Frauen knüpfen bessere Netzwerke

erschienen in Clara, Ausgabe 6,

Petra Sitte ist nur im Denken eine freie Radikale. Hier spricht sie Klartext über

Frauen in der Forschung, Stallgeruch von Böcken und eigene Ansprüche.

Der Monat Oktober hatte die Mitte seiner Tage überschritten, als Halle an der Saale den »Immatag« beging. Immatag - ein typisch Hallenser Begriff - ist das schnoddrig-liebevolle Kürzel für Immatrikulationstag. Der Platz an der alten Martin-Luther-Universität war geschmückt, um mit Bühne, Band und Brimborium die neuen Studentinnen und Studenten zu begrüßen. Petra Sitte schiebt an diesem Tag ihr Rad über den Platz und beobachtet die jungen Leute. Sie freut sich wie vor
28 Jahren, als sie zum ersten Mal in »ihre« Alma Mater einzog.
So wie damals sind viele junge Studentinnen und Studenten versammelt, begierig auf ihr Studium und sicher auch auf neue, gewonnene Freiheiten. Weg von zu Hause, selbständig das eigene Leben in die Hand nehmen, neue Ziele erreichen - was für eine Chance!

Mehr Frauen in Forschung und Verantwortung - ein Lieblingsthema

Petra Sitte - seit zwei Jahren forschungs- und technologiepolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE - schwärmt noch immer von dieser Zeit, als sie hier in Halle Ökonomie studierte und danach auch promovierte. Noch immer habe sie den Geruch der alten Bibliothek in der Nase. Will man sich mit ihr zum Gespräch treffen, schlägt sie prompt das Café in der Buchhandlung gegenüber vor. Hier erzählt sie von ihren Gedanken und Hoffnungen, die ihr am »Immatag« durch den Kopf gehen, als sie die jungen Frauen am Start ihrer akademischen Laufbahn sah.
Petra Sitte ist als verantwortliche Politikerin der Fraktion für Wissenschaft und Technologie eine Ausnahme. Mehrheitlich wird dieses Fachgebiet im Allgemeinen von Männern dominiert. Frauen sind in höher dotierten Professuren, in Führungspositionen von Wirtschaft und Wissenschaft unglaublich unterrepräsentiert.
Petra Sitte gehört zu den Politikerinnen, die diese Tatsache nicht länger als von »Gott gegeben« hinnehmen wollen. Diese Politik, empört sich die Abgeordnete, ist ungerecht, weil sie Frauen trotz gleicher Befähigung um ihr Recht auf Beschäftigung, akademische Laufbahn und gleiche Bezahlung bringt.

Gegenwärtig beklagt die Industrie einen gewaltigen Fachkräftemangel und lamentiert über Standortnachteile. Pro Jahr fehlen rund 20.000 Ingenieure. Zwei Drittel der Ingenieurinnen mit Uni-Abschluss und die Hälfte derer mit Fachhochschulabschluss, hält Petra Sitte dagegen, fänden keine Anstellung im Beruf. In der Industrie sind Forscherinnen nur mit 12 Prozent vertreten. Petra Sitte mag ein lexikalisches Gedächtnis haben, wenn sie Zahlen und Beispiele - wie auf Knopfdruck - präsentiert. Gern schmückt sie diese mit kleinen Anekdoten, die sie erlebt hat, so wie zum Beispiel jenes aus der Autoindustrie.

Umdenken in den
Geschlechterrollen - ohne Wenn und Aber

Autokäufe seien bekanntlich meistens Familienentscheidungen. Männer wünschen sich den Autotyp, Frauen sind jedoch diejenigen, die nach praktischen Erwägungen die Entscheidungen träfen. Studien belegen dies und auch die Tatsache, dass 85 Prozent der Zukäufe, die von Männern getroffen würden, meist unnötig seien. Ein großer Automobilkonzern bildete vor einigen Jahren eine Arbeitsgruppe, in der zum ersten Mal auch Frauen an der Gestaltung von Innenräumen der Autos beteiligt waren. Ungeheuerlich in der Geschichte des Konzerns. Doch es sollte eine Entscheidung mit Bedacht sein. Diese Frauen brachten nämlich maßgeblich neue Akzente in das Design ein - praktische!
Auf diese Weise konnten Kundinnenwünsche besser befriedigt und neue Marktsegmente erschlossen werden. So kam einer der leitenden Ingenieure zu der umwerfenden Erkenntnis: »Wenn der Stallgeruch zu sehr nach Bock riecht, wollen selbst Böcke nicht mehr in den Stall.« Männer mögen demnach auch keine homogenen Strukturen mehr, schlussfolgert Petra Sitte ein wenig amüsiert. Genderwissenschaft ist im Kommen, aber noch nicht Alltag. Sie analysiert und problematisiert das aktuelle Verhältnis der Geschlechter in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.

»Lasst doch mal die Frauen ran« - so
funktioniert es nicht

Die gegenwärtige Politik führt nicht nur zu Benachteiligung von Frauen in Wissenschaft und Forschung, sondern auch zu einem gewaltigen Verlust an kreativem Potenzial. »Doch nur nach dem Motto: Na, lasst doch mal die Frauen ran, ohne inhaltliche Begründung, kommen wir auch nicht in die Offensive«, meint Petra Sitte. Aus der Innovationsforschung ist bekannt, dass vor allem von interdisziplinär angelegten Forschungsprojekten bahnbrechende Erkenntnisse zu erwarten sind. Forscherinnen richten nachweislich ihre Projekte mehr interdisziplinär aus als Männer. Die Einbeziehung von Frauen beeinflusst nicht nur die Art, wie Themen erforscht werden, sondern das Thema selbst. Als sie das begriffen hätte, erzählt Petra Sitte, sei ihr sprichwörtlich der Seifensieder aufgegangen. Sie ist im Denken ganz offensichtlich eine »freie Radikale«, eine praktische dazu:

Innovationspolitik ohne verdeckte Ausgrenzung von Frauen

Fördermittel hätten erhebliche Macht, weiß die Volkswirtin. Deshalb müsse hier ein System der Projektförderung ansetzen, wenn es um die Bestimmung und Bearbeitung neuer Forschungsthemen ginge. Eine gerechte Wissenschafts-, Forschungs- und Wirtschaftspolitik, fordert Petra Sitte für DIE LINKE, muss den offenen, aber viel mehr noch den feinsinnig verdeckten Formen der Ausgrenzung und Beteiligung von Frauen konsequent entgegentreten. Mit Blick auf die jungen Leute, die ihr Studium gerade beginnen, muss Genderforschung in die Lehrziele eines Studienganges integriert werden, fordert die Politikerin. Nur so werden dafür die Sensibilität und das Verständnis geweckt.

Doch auch das reicht noch nicht. Echte Innovationspolitik braucht »Bodenhaftung« im realen Leben. Forscherlaufbahnen, besonders die von Frauen, gelingen bislang oft nur zulasten von Familien und Familiengründung. Wissen-
schaftlerin oder Wissenschaftler zu werden, darf nicht von Askese zum normalen Leben geprägt sein. Karriereplanung, geregeltes Einkommen, Urlaub, begrenzte Arbeitszeiten und eben auch Kinder
gehören dazu.
Was haben Menschen für gesellschaftliche Kompetenzen, die durch Selbstaufgabe ihrer Lebensansprüche beruflich erfolgreich geworden sind. »Neue Felder, neue Ideen bleiben uns vorenthalten, wenn wir die besonderen Fähigkeiten und die Lebensrealitäten von forschenden Frauen nicht integrieren«, resümiert die Abgeordnete.

Dass es bis zur Gleichstellung von Frauen, nicht nur in der Wissenschaft, noch ein langer Weg ist, darüber ist sich Petra Sitte völlig im Klaren. Dafür lohne es, sich abzustrampeln. Jeden Morgen steigt sie ab fünf Uhr für eine Stunde auf ihr Rennrad auf Rollen. So bleibt sie fit und denkt über neue Projekte nach. Der Kaffee ist ausgetrunken und Petra Sitte muss los. Auf sie wartet der nächste Termin. Der Seniorenclub der Martin-Luther-Universität, stolz nennt er sich der einzige in Deutschland, hat sie zu einem Vortrag eingeladen. Sie wird vor ehemaligen Rektoren, ProfessorInnen und LehrerInnen über linke Technologiepolitik referieren. Auch ein spannendes Thema, worüber Petra Sitte stundenlang reden kann. Beim nächsten Mal - wieder bei einem Kaffee? Versprochen!

Marion Heinrich

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