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Frauen in Tunesien zwischen Befreiung und Armut

erschienen in Lotta, Ausgabe 9,

Im Dezember 2014 gab es in Tunesien die erste freie Präsidentenwahl. Fast vier Jahre nachdem der Arabische Frühling hier seinen Anfang nahm. Was brachte er den Frauen?

Von außen betrachtet sind die tunesischen Frauen fein raus. Die Proteste der Frauenbewegung beeinflussten im letzten Jahr die Aufnahme eines Artikels für Gleichberechtigung in die neue Verfassung. Seither streiten die Aktivistinnen für die gesetzliche Umsetzung der darin formulierten Gleichstellung zwischen Mann und Frau, und ihre Vertreterinnen sind über die Grenzen des kleinen Landes hinaus bekannt. Die im Vergleich mit vielen anderen arabischen Ländern bessere Stellung der tunesischen Frauen ist öffentlich sichtbar. Es gibt Straßenbahnfahrerinnen, viele Polizistinnen, spürbares Selbstbewusstsein. Frauen fahren Motorroller nicht nur auf dem Sozius und lenken auch ansonsten mehr, als es in anderen Ländern der Region möglich ist.

Die zweite Beobachtung: Die bekannten Frauenrechtlerinnen und ihr Diskurs sind vor allem in der städtischen Mittel- und Oberschicht verankert. Scheint ihr Fokus auf die Etablierung garantierter Rechte in der ökonomisch gut entwickelten Küstenebene noch zu funktionieren, stellt sich die Lage im Landesinneren völlig anders dar. In den Dörfern, in den ländlichen Regionen ist die untergeordnete Stellung der Frau nach wie vor zementiert. Männer gehen Lohnarbeit nach oder sind auf Arbeitssuche. Frauen sind ganztägig mit der Kleinlandwirtschaft beschäftigt und in manchen Gegenden – sogar im eigentlich gut entwickelten Norden des Landes – mit der Wasserbesorgung mittels Lasttieren. Was in der Hauptstadt, gleichgültig ob im Parlament oder in den Büros der Frauenorganisationen, passiert, findet hier wenig bis gar keine Beachtung. Der wesentliche und leider negative Unterschied zur Lage vor der Revolution ist aber, dass die soziale Not anstieg. Zwar weist Tunesien eine breite Mittelschicht auf, jedoch leben über 15 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.

Ein dritter Eindruck: Der Global Gender Gap des Weltwirtschaftsforums misst die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen hinsichtlich Gesundheit, Bildung, Wirtschaft und Politik. Im Jahr 2014 belegte Tunesien hier den 123. Platz, noch hinter Kuwait und Katar. Dazu kommt, dass laut der nationalen Familienstudie von 2012 fast die Hälfte aller Frauen mindestens einmal Gewalt in ihrem Leben erfuhr. Etwa 80 Prozent der Vergewaltigungen , und auch der ökonomischen Gewalt, gehen von den Ehemännern aus. Letzteres ergibt sich meist durch das verordnete Lohnarbeitsverbot für die Frauen oder über Lohnkonfiszierung durch die Ehemänner. Dies betrifft Frauen mit höherer Bildung ebenso wie Analphabetinnen. Habib Bourgiba, der erste Präsident des Landes, wird heute noch als „Befreier der Frauen“ gefeiert. Dieser selbst verliehene Titel ziert sein Mausoleum. Offensichtlich aber waren 55 Jahre Diktatur nicht dafür geeignet, diese
„Befreiung von oben“ gesamtgesellschaftlich, ökonomisch und kulturell durchzusetzen. Der seit der Revolution im Jahr 2011 andauernde Demokratieprozess bietet nu erstmals eine gute Voraussetzung für diesen Kampf.
 
 Peter Schäfer leitet das Nordafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tunis
 

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