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Fette Gewinne mit dem Hunger

erschienen in Klar, Ausgabe 25,

Die Ersparnisse deutscher Bank- und Versicherungskunden werden zunehmend in die Spekulation mit Nahrungsmitteln investiert.

Vier Euro für einen Sack Maismehl – das ist unerschwinglich für eine Mutter in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Während sie sich mit einem halben Sack zufriedengeben muss, das knappe Abendessen unter ihren Kindern aufteilt und selbst mit knurrendem Magen zu Bett geht, reibt sich ein Mitarbeiter der Deutschen Bank an der Frankfurter Börse die Hände: Mit den gestiegenen Mais- und Getreidepreisen hat er einen satten Gewinn eingestrichen.

Weltweit explodieren die Preise für Lebensmittel. In den letzten zwei Jahren waren sie so teuer wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Niema Movassat, Mitglied der Fraktion DIE LINKE und im Entwicklungsausschuss des Bundestags, kennt den Grund dafür: »Es gibt Schätzungen, die besagen, dass 74 Prozent der Preissteigerungen bei Weizen, Reis, Mais und Soja auf Nahrungsmittelspekulationen zurückgehen.«

Deutsche Banken und Versicherungen – gerade mit Milliarden Euro aus Steuergeldern gerettet – sind aktiv dabei im Geschäft mit dem Hunger, wie eine neue Studie der Hilfsorganisation Oxfam enthüllt. Deutsche Bank, Commerzbank, die Landesbank Baden-Württemberg, die DekaBank und der Münchener Allianz-Konzern – sie alle wetten auf Preissteigerungen für Nahrungsmittel an den Börsen.

Pikant: Auch Ersparnisse deutscher Bank- und Versicherungskunden werden als Wetteinsatz genutzt, um im Casino der Nahrungsmittelspekulation Gewinne zu erzielen und die Preise in die Höhe zu treiben.

Weil die Menschen in Deutschland nur 10 bis 20 Prozent ihres Lebensunterhalts für Lebensmittel ausgeben, sind Preissteigerungen für sie bisher noch kaum spürbar. In den Ländern des Südens stellt sich die Situation schon jetzt dramatisch dar: Dort verwenden ärmere Familien bis zu 80  Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel. Movassat kennt die dramatische Entwicklung der letzten Jahre. »Von 2003 bis 2008 sind die Investitionen im Bereich der Rohstoffspekulation von 13 auf 317 Milliarden US-Dollar gestiegen. Und sie steigen seitdem kontinuierlich weiter.« Ein Ende ist nicht absehbar, genauso wenig wie die Folgen für die Preissituation in Europa. Movassat: »Nahrungs-mittelspekulation ist einer der zentralen Gründe, warum eine Milliarde Menschen hungern muss und alle sechs Sekunden ein Kind an Hunger stirbt.«

Dabei wäre es ein Leichtes, solche Finanzgeschäfte zu verbieten. Doch nicht nur andere Staaten zögern, auch die deutsche Bundesregierung verschließt die Augen vor den gravierenden Folgen der Zockerei mit Nahrungsmitteln.

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