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Fehlende Beratung ist unterlassene Hilfeleistung

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

»Die Menschen sind verzweifelt. Manche sitzen vor mir und weinen,

weil sie nicht wissen, was sie tun können.« Petra Wegner.

Manchmal kommt jemand mit einem vollgepackten Wäschekorb. Die Antragsformulare lesen sich, als müsste man nun sein ganzes Leben vor fremden Leuten ausbreiten. Muss man auch. Glück im Unglück ist, wenn man dann weiß, dass im Großenhainer Alleegässchen 1 eine sitzt, die helfen kann. Wer den Arbeitslosentreff des Arbeitlosenverbandes betritt, hat die erste schlimme Schwellenangst bereits überwunden. Ja, der Job ist weg und ja, man weiß jetzt nicht, wie es weitergehen soll, und ja, man könnte heulen. Manch einer hat vorher wochen- und monatelang versucht, die Arbeitslosigkeit zu verbergen, hat die letzten Reserven aufgebraucht, sich tagsüber nicht vorm Haus blicken las-sen, damit die Nachbarn nichts ahnen. Nun geht es nicht mehr, nun ist man müde und ratlos.

Petra Wegner kennt das. Sie war selbst arbeitslos. Sie sagt, irgendwann falle man in ein tiefes Loch, sei es kaum noch möglich, sich Mut zu machen. Wenn man es nicht schaffe, an diesem Punkt mit Hilfe anderer die Reißleine zu ziehen, verfestige sich der Gedanke, nicht gebraucht zu werden und nicht gewollt zu sein. Jetzt hat Petra Wegner eine »Arbeitsbeschaffungsmaßnahme« (ABM) und leitet die Beratungsstelle für Erwerbslose.

Die Stadt Großenhain hat immer Unterstützung gegeben. Aber das allein reicht nicht. Solide und feste Finanzierung auf lange Sicht muss her. Die Beratungsstelle in Großenhain ist weit und breit der einzige Ort, wo Menschen, die »auf Hartz IV sind«, Hilfe bekommen. Sogar von Berlin fahren sie hierher. Strehla, Coswig, Meißen, Riesa, Dresden - in keinem dieser Orte gibt es eine Beratungsstelle für Erwerbslose. Nur in Großenhain.
Montags und dienstags zum Beispiel sitzt Petra Wegner in ihrem Büro und hilft Menschen beim Ausfüllen der Anträge und Formulare. Gemeinsam mit den Antragstellern formuliert sie Widersprüche gegen Bescheide, unterstützt sie beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen. Es ist ein ständiger Kampf mit den Behörden, denen es manchmal einfällt, enen winzigen Zuverdienst mit dem Kindergeld zu verrechnen, obwohl er bereits einmal auf die Bezüge angerechnet wurde. Mittwoch, Donnerstag und Freitag ist Petra Wegner ebenfalls da, jeweils von acht bis zwölf.
Immer, wenn es Veränderungen bei den Gesetzen gebe, neue Regelungen kämen und alte außer Kraft gesetzt wür-den, spüre sie das unmittelbar. 2006 zum Beispiel wurde vom Gesetzgeber festgelegt, dass Jugendliche unter 25 Jahre in die Bedarfsgemeinschaften der Eltern
»zurückzuführen« seien, so sie das Elternhaus bereits verlassen ha-ben. Es gab unterschiedliche Antragsformulare und laufend neue Veränderungsmitteilungen. Ein Verwirrspiel war das. Jugendliche wurden »zurückgeführt«, um zum Teil nur kurze Zeit später wieder aus der Bedarfsgemeinschaft zu fallen. »Da waren selbst die Mitarbeiter der ARGE überfordert«, sagt Petra Wegner. »Was für ein Widersinn, wenn Mitarbeiter der ARGE, die eigenen Vorschriften und Formulare nicht verstehen und die Antragsteller deshalb zu uns in die Beratung schicken.«

Wenn auch die Beratungsstelle nicht weiterhelfen kann, werden zumindest die richtigen Ansprechpartner vermittelt, die Zusammenarbeit mit sozialen Diensten, Behörden und öffentlichen Einrichtungen gehört ebenfalls zu den möglichen Hilfestellungen, die eine wie Petra Wegner geben kann. Schuldnerberatung, Sucht-
beratungsstellen, die Kleiderkammer vom Roten Kreuz, Renten- und Krankenversicherungsträger, Wohnungsgesellschaften, private Vermieter - mit allen hat sie schon mal Kontakt gehabt, verhandeln müssen, um Hilfe organisieren zu können.
Im Raum Meißen - Riesa - Großenhain gibt es rund 20.000 Arbeitslose, in Großenhain selbst sind es rund 7.500. Die Beratungsstelle haben im vergangenen Jahr 1812 Menschen aufgesucht. Die meisten von ihnen in Panik, sagt Petra Wegner. Selbst gut ausgebildete Menschen verstünden oft die umfangreichen Fragebögen nicht. Was sie aber wissen ist, dass eine ungenaue oder fehlende Angabe, ein falscher Zungenschlag genügen, um einen ablehnenden Bescheid zu erhalten. »Manchmal sitze ich zwei bis drei Stunden mit jemandem, um einen Antrag vollständig auszufüllen. Und manchmal erhalte ich in diesen Stunden Einblick in ein ganzes Leben. Was für eine Not«, sagt sie. »Was für ein
Elend bekommt man da zu hören.« Minister Wolfgang Tiefensee will dem Osten fahrbare
Bibliotheken schenken. »Fahrbare Erwerbslosenberatungen, gut ausgestattet und so finanziert, dass sie nicht auch noch
von der ARGE abhängen, wie ich mit meiner ABM, das wäre
ja mal ein Beitrag«, sagt Petra
Wegner. Über ihrem Schreibtisch hängt eine Liste, auf der
aufgeschlüsselt ist, wie sich die 347 Euro ALG II aufschlüsseln: 5,19 Euro für Möbel. Das kann sich auch die Beraterin nicht erklären. Wie jemand auf diesen Betrag gekommen ist. 1,02 Euro für
Versicherungen, 3,26 Euro
sollen für Wohnungsreparaturen beiseite gelegt werden.

Sie stimme jedem zu, sagt Petra Wegner, der mehr und flächendeckende Beratungsangebote für Erwerbslose fordert. Das sei das Mindeste. Aktuelle Studien besagen, dass 2,5 Millionen Menschen ihnen zustehende Leistungen nach Hartz IV nicht in Anspruch nehmen. Die aus Dresden stammende sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, Katja Kipping, hat die Bundesregierung gefragt, ob sie dagegen etwas tun wolle. Eher nicht, war die Antwort, schließlich wollten ja viele Bürger den Bezug von Sozialleistungen vermeiden. Selber schuld, lautet also die Argumentation der Regierung, um unterlassene Hilfeleistung zu bemänteln.
Einen Antrag der Fraktion DIE LINKE auf Finanzierung und flächendeckende Ausweitung unabhängiger Erwerbslo-senberatungen lehnte der Bundestag mehrheitlich ab. »Das ist eine zynische Entscheidung«, sagt Katja Kipping. »Es müssen ausreichend Möglichkeiten geschaffen werden, sich beraten und helfen zu lassen.«
Petra Wegner weiß nicht, ob sie im nächsten Sommer noch in der Großenhainer Erwerbslosenberatung arbeiten kann, wenn ihre ABM ausgelaufen ist. Dann droht auch ihr wieder der Absturz in die Arbeitslosigkeit. Ob es dann diesen Zufluchtsort für Hilfesuchende überhaupt noch gibt? Im Stadtrat Großenhain gibt es eine Fraktion des örtlichen Arbeitslosenverbandes mit zwei Mitgliedern. Carsten Heine und Manfred Thiel sind verlässliche und engagierte Mitkämpfer, wenn es um die Rechte von Erwerbslosen geht. »Ohne sie«, sagt Petra Wegner, »wäre alles noch schwieriger.«
Aber auch Heine und Thiel können nicht ändern, was die Bundesregierung an
Gegebenheiten schafft.
»Wir hatten hier eine Umschülerin,«, sagt Petra Wegner, »die hat drei Jahre in einem Altenheim gelernt und gearbeitet. Danach wurde sie nicht übernommen und bekam vom Arbeitsamt das Angebot, im selben Altenheim für 1,50 Euro pro Stunde zu arbeiten. Das macht krank, wenn man es hört.«

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