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Familie ist nicht gleich Familie

erschienen in Lotta, Ausgabe 7,

Sybille G.* hat zwei Söhne und eine Tochter. Sie sind 13, 17 und 22 Jahre alt. Der Älteste ist zum Studieren nach Süddeutschland gegangen, die Tochter ist auf dem Weg zum Abitur. Darauf ist Sybille, 48 Jahre alt und alleinerziehend, stolz. Arbeit hat sie offiziell keine, sie geht trotzdem ehrenamtlich in eine Einrichtung für Demenzerkrankte, liest Geschichten vor und noch viel lieber singt sie mit den Frauen und Männern. Eine Vermittlung durch das Jobcenter in eine soziale Beschäftigung, die dazu noch kreativ wäre, würde ihr gut gefallen. Bislang Fehlanzeige. So leben sie und die Kinder von Hartz IV. Katrin W.* - ebenfalls alleinerziehend – sagt, „sie hätte da noch eine Galgenfrist“. Die gelernte Bauingenieurin musste ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen. Bis September dieses Jahres bekommt sie noch Arbeitslosengeld I. Dann ist Schluss, auch mit der „Integrationsmaßnahme für Behinderte“, die sie zur Zeit auf Grund ihrer Rückenprobleme über den Rententräger absolviert.  Katrin W. ahnt, dass diese Maßnahme keinen Job nach sich ziehen wird. „Denn schon jetzt werden alle Bewerbungen auf Praktikumsplätze entweder gar nicht oder abschlägig beantwortet“, erzählt sie. Dieses „Was kommt danach?“  macht der 47-jährigen Mutter Angst. Ihre Zwillinge sind gerade 12 Jahre alt geworden, das bedeutet, das Jugendamt stellte die Unterhaltsvorschusszahlungen für ihre Söhne ein. Der Gesetzgeber schreibt das so vor. Länger als bis zum 12. Lebensjahr bekommen alleinerziehende Mütter oder Väter keine finanzielle Unterstützung mehr vom Jugendamt. Der leibliche Vater zahlt, was er kann: monatlich 35 Euro Unterhalt pro Kind. Mehr gibt sein eigener schmaler Verdienst nicht her. Dieses Wenige wird der Mutter trotzdem als Einkommen angerechnet. Ein finanzieller Teufelskreis, über die Zwillingsmutter nur ungern spricht. Die Angst, in Armut zu geraten, sitzt tief.

 

Beide Frauen leben im Land Brandenburg. Dort sind mittlerweile ein Viertel aller Haushalte Ein-Eltern-Haushalte. Tendenz steigend. Ihr Einkommen liegt deutlich unter dem durchschnittlichen Haushaltseinkommen. Bundesweit ist jede fünfte Familie alleinerziehend. Das belegt die neue Studie „Alleinerziehende unter Druck“, herausgegeben von der BertelsmannStiftung. Danach sei es „für 2,2 Millionen Kinder Normalität“ bei nur einem Elternteil aufzuwachsen. Alleinerziehende leben fünfmal so oft von Hartz-IV-Bezügen wie Paarfamilien und auffällig sei dabei – so die Wissenschaftler der Studie – „dass Alleinerziehende in allen Bundesländern besonders stark von Armut betroffen sind“.

 

Für Birgt Uhlworm sind diese Daten, Fakten, Zusammenhänge und die schwerwiegenden Folgen für die Entwicklungs- und Bildungschancen der Kinder und ihrer alleinerziehenden Mütter nicht neu. Ganz im Gegenteil.  Sie hätte „es satt“, ständig nur neue Studien zu lesen. Sie will politische Entscheidungen, sie will die Gleichstellung der Ein-Eltern-Familien mit dem Familienmodell „Vater-Mutter-Kind“. Dafür streitet Birgit Uhlworm als Geschäftsführerin des Landesverbandes SHIA e. V. – Selbsthilfegruppen Alleinerziehender im Land Brandenburg schon seit über zwei Jahrzehnten. Beratung, Unterstützung bei Behördengängen, Angebote zur Hilfe durch  Selbsthilfe, Ferien- und Freizeitangebote für Alleinerziehende – das ist die eine, ganz praktische Arbeit von SHIA. Die zweite Seite: Politischer Lobbyist sein für Familien, die benachteiligt werden. Im Unterhaltsrecht, bei der Festlegung der Steuerklasse. Denn wer weiß schon,  dass alleinerziehende Mütter und Väter fast genauso so hoch besteuert  werden wie Singles. Im März 2014 ließ CDU-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verkünden: Steuerentlastung für Alleinerziehende, jetzt nicht! Vielleicht 2016. Eine Ansage ohne Garantie.  Doch was für eine Milchmädchenrechnung.  Im letzten Jahr waren deutschlandweit 39,2 Prozent Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern auf Hartz IV angewiesen. Brandenburg liegt mit 40, 1 Prozent noch über den Bundesdurchschnitt.  Das sind Steuergelder, die für Ein-Eltern-Familien würdevoller ausgegeben werden könnten. Die Entlastung Alleinerziehender gehört auf die politische Tagesordnung. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Gisela Zimmer

 

*Name geändert

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