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»Es sind radikale Veränderungen nötig«

erschienen in Klar, Ausgabe 25,

Der Aktivist und Anthropologe David Graeber hat den »Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus« (Pantheon) schon vor Jahren ausgerufen und erklärt in »Inside Occupy« (Campus Verlag), wie man ihn führen kann. Er erfand den Slogan »Wir sind die 99 Prozent«. Anfang Mai besuchte er die Proteste vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main.

Wie erleben Sie die Occupy-Bewegung in Deutschland?
David Graeber: Es ist sehr wichtig, dass sie existiert, denn Deutschland ist in Europa ein besonderer Fall. Die Veränderungen vollzogen sich hier in den vergangenen 15 Jahren sehr schleichend, und so kam es bisher nicht zu großen Protesten. Ich finde es toll, dass Leute in Amerika und Deutschland an den Orten protestieren, die für die Probleme der Welt insgesamt stehen.

»Inside Occupy« berichtet detailliert von der Besetzung des Zuccotti-Parks in New York. Mit welcher Absicht haben Sie das Buch geschrieben?
Ich begann als Aktivist und hab erst dann angefangen, darüber zu berichten. Denn ich fand es eine gute Methode, Selbstkritik zu üben, interne Probleme zu diskutieren und darüber zu schreiben, was gut ist an unseren Vorstellungen von Demokratie und direkten Aktionen, die wir entwickelt haben. Meine Erfahrungen als Wissenschaftler halfen mir, der Bewegung diese Botschaften zu senden. Denn man kann Menschen nicht mit Argumenten davon überzeugen, dass eine demokratische Gesellschaft möglich ist. Man kann sie ihnen nur zeigen.

Wie wird sich die Krise Ihrer Meinung nach entwickeln?
Das System läuft immer schneller von einer Krise zur nächsten. Die Gründe, weshalb es 2008 zur Krise kam, sind noch immer nicht beseitigt. Die Frage ist, wie lange es noch dauert, bis das ganze System einen großen Schock erleidet. Dieser Prozess beginnt gerade jetzt in Europa und wird Amerika vielleicht in zwei, drei Jahren erreichen. Es sind einige radikale Veränderungen nötig. Werden die politisch Verantwortlichen diese Krise überstehen, wird es zu wirklich dramatischen Ereignissen kommen? Wir wollen demokratische Alternativen anbieten.
 

Interview führte Steffen Twardowski

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