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Erste Hilfe gegen die Armut

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Netzwerkerin Sabine Zimmermann engagiert sich für Erwerbslose

Sabine Zimmermann hat es eilig. Sie grüßt die Menschen, die, zu einer langen Schlange aufgereiht, geduldig vor dem Barackenbau in der Plauener Klopstockstraße 15 warten. Das ist seit sieben Jahren die Adresse der Plauener Tafel. Eine gute, einladende Adresse der Arbeitsloseninitiative Sachsen e.V.

»Niemand kann mir
etwas vormachen, wie
die Situation hier ist«

Montags, mittwochs oder wie heute am Freitag stehen Leute mitunter zwei Stunden an, bis sie »dran« sind. Es sind Bedürftige, wie es im sterilen Amtsdeutsch heißt, die sich zweimal pro Woche Lebensmittelspenden abholen. Kinder und Erwachsene, Hartz IV-Empfänger oder »Aufstocker«, die trotz eines Jobs zu wenig für den eigenen Lebensunterhalt verdienen. Sabine Zimmermann kennt viele von ihnen, denn hier in der Region, sagt die DGB-Vorsitzende Vogtland/Zwickau, kennt eigentlich jeder jeden.
Die Innenräume der Tafel sind so voll gestopft mit Menschen und Waren, dass sich die Abgeordnete nur schwer einen Weg in einen der hinteren Räume bahnen kann. Dieser Freitag ist ein besonderer Tag, weil die Tafel Plauen nun auch eine Suppenküche eröffnet. Die lokale Presse nimmt nicht bloß Notiz von dem Ereignis. In Plauen sorgen auch Journalisten dafür, dass Armut und die sich dahinter verbergenden Schicksale nicht in der Anonymität verschwinden.

Stadtverwaltung und ARGE versuchen an einem Strang zu ziehen. Parteiübergreifend engagieren sich Menschen wie Sabine Zimmermann und ihre MitstreiterInnen Konstanze Schumann, Rosi Gottschling, Hennig Müller und andere, um ca. 1.200 »Tafelgänger« satt zu bekommen. Seit der Einführung von Hartz IV stieg die Zahl beträchtlich. Drei von ihnen sitzen heute vor den haupt-und ehrenamtlichen Helfern der Tafel. Fotos lassen sie nicht zu, zu groß
ist die Scham, unverschuldet Bittsteller
geworden zu sein.
Gisela G. ist fünfzig und hat drei Kinder im Alter von zehn bis vierzehn Jahren, die sie allein großzieht. Selbstbewusst erzählt sie, wer sie mal war. Die gelernte Drogistin arbeitete als Abteilungsleiterin in einem Warenhaus und wollte nach dem Erziehungsurlaub 1993 wieder ins Berufsleben einsteigen. Stattdessen kam die Entlassung. Sie wurde umgeschult, in Maßnahmen gesteckt und nahm Hilfsjobs als Putzfrau an. Gisela ist Profi im Rechnen, dennoch nutzt ihr das wenig.

»Jeden Tag überlege
ich mir, was ich mir
leisten kann«

Mit den aktuellen Preiserhöhungen für Milch und Fleisch wird es noch enger. »Jeden Tag überlege ich mir, was ich mir leisten kann. Brot habe ich schon ewig nicht mehr gekauft«, sagt sie, »das bekommen wir seit Jahren von der Tafel.« Und den Friseur brauche auch keiner in der Familie. Kinderhaarschnitte erledige sie selbst. Der Vater ihrer Kinder könne keinen Unterhalt zahlen, er sei selbst auf Hartz IV und Unterhaltsvorschuss bekomme sie auch nicht.
Ralf H. kennt sich aus, fragt Gisela nach der Jugendweihe, die nächstes Jahr für ihren Ältesten ansteht. Sie zuckt mit den Schultern und hofft, dass sie bis dahin noch etwas sparen kann. Wie, das weiß sie nicht. Ralf H. ist schwer behindert und lebt seit seiner Scheidung mit vier seiner sieben Kinder vom Kindergeld und einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente.
»Ich wäre nie hierher zur Tafel gekommen, wenn das Jugendamt nicht entschieden hätte, ich bekomme nichts.« Er hätte ein ausgefülltes Leben als Agrotechniker geführt, heute säße er in der Schuldenfalle. Die Journalisten im Raum stellen keine Fragen mehr, als er sagt: »Man kommt von Hartz IV nicht weg.«

Hartz IV wird längst wie eine Selbstverständlichkeit behandelt

Für die 26jährige Bianca L. ist es der erste Tafelbesuch. Die Lengenfelderin nimmt alle Umschulungen mit, die sie bekommen kann, dennoch hat es bislang nicht zu einem Job gereicht. Die Einschulungsfeier für ihren Sohn stehe im September an und damit auch für die alleinerziehende Mutter die Frage, wo sie die 150 bis 200 Euro für die Erstausstattung ihres ABC-Schützen hernehmen soll. Die ALG II-Empfängerin bekommt keinerlei Unterstützung für Lehrmittel. Der Schulbedarf sei mit dem Regelsatz von 1,63 Euro monatlich abgedeckt, war im Ablehnungsbescheid der ARGE zu lesen. Die junge Frau ist verzweifelt, sucht Rat bei der Arbeitsloseninitiative Sachsen. »Dieses Berechnungssystem zementiert die Armut in Deutschland. Kinder sind dabei meist die größten Verlierer«, sagt Sabine Zimmermann.

Die Bundestagsabgeordnete weiß, dass einige Kommunen Sonderzahlungen für die Erstausstattung der Schulanfän-ger eingeführt haben, seit der DGB dies gefordert hat. Plauen und der Vogtlandkreis gehören nicht dazu. Für Menschen wie Sabine Zimmermann und Konstanze Schumann ist das kein Hinderungsgrund, nicht aktive Hilfe anzubieten. Sie seien sehr netzwerkorientiert, meinen beide übereinstimmend. Sich zu kümmern, sich der Probleme der an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten anzunehmen, ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsloseninitiative Sachsen e.V. selbstverständlich. Die Gewerkschafterin Zimmermann nutzt ihre Popularität im Vogtland. Nicht nur in den sitzungsfreien Wochen des Parlaments geht sie regelmäßig in Betriebe, spricht mit den Betriebsräten. Sie arbeitet aktiv in Verwaltungsausschüssen von Arbeitsamt und Krankenkassen, betont deren Mitwirkungspflicht und nimmt Einfluss auf Entscheidungen. »Niemand kann mir etwas vormachen, wie die Situation hier ist. Ich brauche meinen Wahlkreis, um in Berlin Argumente gegen die Armut per Gesetz zu haben.« Lebensnähe und Engagement zeichnen ihr Verständnis von Politik aus. Der kleine Sohn von Bianca L. bekommt jedenfalls dank des Zimmermannschen Netzwerkes von der Caritas einen Ranzen, Bücher, Stifte und Turnbeutel.

Für zwei Euro eine
warme Mahlzeit und eine Sorge weniger am Tag

Bianca L., Gisela G. und Ralf H. sind nach dem Pressegespräch in der Tafel zum ersten Mal auch Gäste der neu eröffneten Suppenküche. Sie ist nur wenige Schritte von den Räumen der Tafel entfernt. Ab Mitte August können hier täglich fünfzig Bedürftige Frühstück und eine warme Mahlzeit für ungefähr 1,50 bis 2,00 Euro einnehmen. Zugleich sind die renovierten und gut ausgestatteten Räume aber auch Tagestreff, Beratungsstelle für Jobsuchende und letztlich Chance für fünf Langzeitarbeitslose, die nun befristet eine Anstellung gefunden haben. Aus Lebensmittelspenden der Tafel zaubern sie jeden Tag ein Essen - oder wie an diesem Tag auch ein Buffet. Uwe Schmidt, Lehrer von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft, ist mit vier von »seinen Jungs« zur Eröffnung der Suppenküche gekommen. Die jungen Männer - alle auf Hartz IV - haben im ersten Anlauf ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Doch nun wollen sie es im zweiten packen. Drogen, Alkohol, Probleme mit den Eltern, aber auch die Insolvenz eines Betriebes führ-ten dazu, dass keiner der 22-25jährigen Männer eine abgeschlossene Ausbildung hat. Das sei ihr größter Wunsch: eine Ausbildung und dann ein geregeltes Leben mit Arbeit, von der man existieren kann. Sabine Zimmermann hört sich Lebensgeschichten, die vergeblichen Versuche, wieder Halt zu finden, an. Mitunter sind es nur Blicke, mit denen sie und Konstanze Schuhmann sich verständigen. Die Abgeordnete wird sich »reinhängen« und um Ausbildungsplätze kümmern. Ob sie weiß, dass Lehrer Schmidt noch 20 weitere Jugendliche ohne berufliche Perspektive hat? Sie weiß es und ist sich ihrer Verantwortung als Gewerkschafterin und linke Politikerin bewusst.

Die Zahl der sozialen Projekte, die Hilfe zum Überleben anbieten, wird immer größer, weil sich der Staat aus seiner gesellschaftlichen Verantwortung stiehlt. Das Bewusstsein, von Almosen der Wohlstandsgesellschaft leben zu müssen, sei menschenunwürdig, sagt Sabine Zimmermann, und nicht länger hinnehmbar.

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