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Eine Frage der Würde

Von Sabine Zimmermann, erschienen in Clara, Ausgabe 44,

»Es gibt 37 Millionen Arbeitsplätze. Drei davon hab ich«, sagte mir kürzlich ein Kollege. Damit beschrieb er die Lebensrealität von Millionen arbeitenden Menschen in diesem Land. Über die Hälfte der 37 Millionen Beschäftigungsverhältnisse ist so schlecht entlohnt, dass die Beschäftigten nicht genug verdienen, um im Alter auf eine Rente über dem Grundsicherungsniveau zu kommen.

Exkanzler Gerhard Schröder, sein ehemaliger Vizekanzler Joschka Fischer und ihre Bundesregierung aus SPD und Grünen haben ihr Ziel, in Deutschland einen Niedriglohnsektor einzurichten, voll erfüllt. Das Ergebnis: Armut, Stress und Angst nehmen zu. Die Gesellschaft verroht, während sich Regierung und Arbeitgeber für das Wirtschaftswachstum und die angeblich robuste Lage am Arbeitsmarkt hochloben.

Mich macht das wütend, und so geht es Millionen Beschäftigten, Familien und gerade auch jungen Menschen im Osten wie im Westen. Wir müssen wieder klarmachen und dafür sorgen: Von Arbeit muss man leben können. Geschäftsmodelle, die darauf aufbauen, dass die Beschäftigten nur zu Minilöhnen in Minijobs arbeiten, gehören auf den Müllhaufen der Geschichte.

Das moderne Tagelöhnerwesen aus Befristungen, Leiharbeit, Minijobs und Werkverträgen gehört abgeschafft und gesetzlich unterbunden. Das ist eine Frage des Anstands und der Würde. 43 Prozent der Deutschen nennen Armut und soziale Ungleichheit als ihre wichtigste Sorge im Hinblick auf die Bundestagswahl. Die Wahl wird eine gute Gelegenheit bieten, den Widerstand gegen die Verwilderung der Arbeitswelt zu stärken. 

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