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Eine Frage der Verantwortung

Von Gesine Lötzsch, erschienen in Clara, Ausgabe 20,

Ein Kommentar von Gesine Lötzsch zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

»Stalin bricht Hitler das Genick.« Dieser Satz wurde berühmt. Es waren die Völker der Sowjetunion und die westlichen Alliierten, die Hitler und der Wehrmacht das Genick brachen. Diese Leistung ist erstaunlich. Wie konnte das gelingen? Hitler hatte sich scheinbar mühelos ganz Europa unterworfen. Warum scheiterten Hitler und seine Generäle an der angeblich technologisch unterentwickelten Sowjetunion?

In unzähligen Büchern wurde von deutschen Generälen nach Ursachen für die Niederlage gesucht. Der sibirische Winter oder allein Hitler, der als Feldherr versagt habe, tragen die Schuld. Diese Erklärungen sind Schutzbehauptungen, die eines außer Acht lassen: den Willen der Menschen, sich nicht unterjochen zu lassen. 20 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion verloren in diesem Krieg ihr Leben. Keine Bundesregierung hat bisher die Leistung der Sowjetunion in diesem Krieg angemessen gewürdigt. Immerhin hat sie uns vom Faschismus befreit. Wer der Freiheit solch einen Stellenwert beimisst, wie deutsche Politikerinnen und Politiker immer behaupten, der sollte aber auch die Befreier entsprechend würdigen.

Deutschland hat eine besondere Verantwortung gegenüber den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Unsere Fraktion hatte deshalb im vergangenen Jahr anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung einen Antrag in den Deutschen Bundestag eingebracht, den Tag der Befreiung zum gesetzlichen Gedenktag zu erklären. Dieser Antrag wurde nach einer unwürdigen Debatte im Bundestag in die Ausschüsse verwiesen. Glücklicherweise gibt es viele Menschen in Deutschland, die, unabhängig von offiziellen Gedenktagen, die Leistung und die Opfer der Völker der Sowjetunion würdig erinnern.

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