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„Ein Zeichen für den politischen Richtungswechsel“

erschienen in Clara, Ausgabe 43,

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben bei der Wahl zum Bundespräsidenten 128 Stimmen erhalten, obwohl für DIE LINKE nur 94 Mitglieder an der Bundesversammlung teilgenommen haben. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Christoph Butterwegge: Ich bin stolz und froh über diesen Erfolg. Ihn verdanke ich allen, die mich unterstützt und mir bei Veranstaltungen, bei Interviews und in den sozialen Netzwerken geholfen haben. Nur so war es möglich, über DIE LINKE hinaus Zustimmung zu bekommen. Dieser Erfolg zeigt: Wir können das Signal aussenden, dass DIE LINKE stärker wird und Rot-Rot-Grün eine Alternative zu dieser Großen Koalition ist. Es ist ein Zeichen dafür, dass ein politischer Richtungswechsel nötig und möglich ist.

Als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten haben Sie viel Aufmerksamkeit und viel Zuspruch für Ihre Themen erhalten. Sind Sie auch ein wenig traurig, dass die Wahl nun vorbei ist?

Ich habe keine Angst, in ein schwarzes Loch zu fallen. Nun kann ich mich wieder mehr der Familie widmen, meiner Frau
und meinen beiden kleinen Kindern. Auch werde ich weiterhin als Wissenschaftler arbeiten: etwa über das Problem der wachsenden sozialen Ungleichheit, aber auch über Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Rassismus, die in der Gesellschaft offenbar wachsenden Anklang finden.

In den vergangenen Wochen und Monaten sind Sie quer durch Deutschland gereist und haben bei mehr als 50 Veranstaltungen für mehr soziale Gerechtigkeit geworben. Was nehmen Sie mit aus dieser Zeit?

Für mich war es sehr interessant, einen Einblick in das Leben eines Spitzenpolitikers zu erhalten. Eine Zeit lang war mein Terminkalender genauso voll, und oft wurde ich ebenfalls in einer Limousine durchs Land gefahren. Dabei habe ich gemerkt: Politiker der etablierten Parteien, insbesondere in Regierungsverantwortung, leben ein Stück weit abgehoben. Und sie können nicht davon lassen, weil man sich einfach wichtig fühlt, wenn zum Beispiel bei einer Veranstaltung der Saal verstummt, sobald man den Raum betritt. Das war für mich eine wichtige Lektion, weil ich jetzt besser verstehe, warum viele Politiker in verantwortlichen Positionen nicht mehr die Interessen der sozial Benachteiligten, der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertreten. Sie bewegen sich in einer Blase.

Gibt es eine Begegnung, an die Sie besonders gern zurückdenken?

In Aachen war ich bei der SPD, gewissermaßen in der Höhle des Löwen. Hinterher kam eine SPD-Genossin zu mir und sagte, ich hätte mit meiner Kandidatur die Würde der Armen wiederhergestellt. Das fand ich zwar sehr pathetisch, aber es hat mich auch gerührt. Denn ich habe mich während meiner Kandidatur bemüht, den sozial Benachteiligten eine Stimme zu geben, also jenen Menschen, die sonst in unserer Gesellschaft, insbesondere in der medialen Öffentlichkeit, fast gar nicht vorkommen. Und wenn sie dann doch einmal vorkommen, dann werden sie verachtet und als Drückeberger, Faulenzer und Sozialschmarotzer verächtlich gemacht. Dem etwas entgegenzusetzen und für mehr Solidarität in der Gesellschaft zu werben, war mein Hauptanliegen. Und das ist mir, glaube ich, insgesamt ganz gut gelungen.

Das Interview führte Ruben Lehnert.

Christoph Butterwegge, Jahrgang 1951, war von Januar 1998 bis Juli 2016 Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Er war viele Jahre lang Mitglied der SPD, aus der er im Jahr 2005 wegen der Agenda 2010 und der Hartz-Gesetze austrat. Seither ist er parteilos, sympathisiert aber mit der Politik der Fraktion DIE LINKE.

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