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Ein Tag im Leben von Friedrich H.

erschienen in Clara, Ausgabe 29,

Missstände in der Pflege sind seit Langem bekannt, eine Reform ist längst überfällig. Darunter leiden Pflegebedürftige und ihre Familien.

In Hamburg sitzt Friedrich H. wie jeden Tag gegen 11 Uhr im Rollstuhl am Fenster und blickt in den Hof seines Pflegeheims. Seine Zeit verbringt er meistens zusammen mit fünf weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern der Pflegeeinrichtung. Gesprochen wird nicht viel. Eine Frau summt eine Melodie. Friedrich H. hat Pflegestufe II, ist schwer pflegebedürftig. Zudem ist er altersverwirrt, hat Alzheimer.

Ein Tag im Leben von Friedrich H. beginnt für gewöhnlich um 8 Uhr. Eine Pflegerin oder ein Pfleger weckt, wäscht, kämmt ihn und zieht ihn an. Um 9 Uhr gibt es Frühstück, um 12 Uhr Mittagessen. Friedrich H. geht es gut an diesem Tag, er kann die Mahlzeiten zusammen mit anderen Pflegebedürftigen im Speiseraum einnehmen. Es gibt Suppe, Nachtisch und drei Hauptgänge zur Auswahl.

„Mein Vater bekommt gutes Essen, hat ein schönes Zimmer – aber ausreichend Zeit für eine aktivierende Pflege bleibt dem Pflegepersonal nicht“, berichtet eine seiner beiden Töchter. Ein Glück, dass das Pflegeheim nahe der früheren Wohnung im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg liegt. Ehemalige Nachbarn, Kollegen und Freunde können ihn so oft besuchen. Manchmal, wenn Friedrich H. einen guten Tag hat, erkennt er sie. „Wenn Freunde und die Familie nicht wären, wäre er die ganze Zeit ohne geistige Anregung“, sagt seine Tochter. Das Pflegepersonal sei freundlich und arbeite gewissenhaft, aufgrund der hohen Arbeitsbelastung bleibe jedoch wenig Zeit für soziale Betreuung oder Ermunterung.

Seit Jahren beklagen Verbände den eng gefassten Pflegebegriff, der vorwiegend körperliche Gebrechen berücksichtigt, aber nicht ausreichend Kommunikation und soziale Teilhabe. Im stationären Bereich steht für 25 Menschen mit Demenz eine einzige Betreuungskraft zur Verfügung. Die mitunter aufwendige Betreuung und Beaufsichtigung bei Demenz bleiben auf der Strecke.

Friedrich H. gehört zu denen, die von einer Reform der Pflegeversicherung profitieren würden. Er war zeitlebens rege und geistig aktiv. Wenn ihm eine Pflegekraft beim Zeitunglesen oder beim Fernsehen assistieren würde, wäre das ein großer Zugewinn an Lebensqualität. Stattdessen schläft er viel. Oft verschläft er die Kaffeepause um 15 Uhr. Damit er nachts nicht herumirrt, bekommt er Schlafmittel verabreicht.

Die Leistungen der stationären Pflege in der Stufe I und II wurden seit Einführung der sozialen Pflegeversicherung im Jahr 1995 nicht erhöht. Die längst überfällige Reform packen die Regierenden nicht an. Statt wenigstens den Wertverlust der Pflegeleistung seit 1995 vollständig auszugleichen, werden vorrangig die Familie und die Angehörigen in die Pflicht genommen. So auch bei Friedrich H.

Er hat bis zur Rente 48 Jahre gearbeitet. Er war tätig als Fotograf und als Drogist. Drei Monate nach Rentenbeginn erlitt er einen Herzinfarkt. Die ersten Jahre der Pflegebedürftigkeit verbrachte er zu Hause. Seine Ehefrau und seine beiden Töchter kümmerten sich um ihn, zusammen mit einem Pflegedienst und einer Haushaltshilfe.

Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2009 wechselte Friedrich H. in die stationäre Pflege. Aus der enormen Arbeitsbelastung in der häuslichen Pflege wurde für die Familie eine schwere finanzielle Belastung. Und das, obwohl Friedrich H. eine Rente weit über dem Durchschnitt bekommt: 1.465,56 Euro. Für die Pflegekosten stellt das Heim jeden Monat 2.233,86 Euro in Rechnung. Davon erstattet die Pflegekasse 1.279 Euro. Mit Unterkunft, Verpflegung und Pauschalen summieren sich die Heimkosten auf 3.391,40 Euro. Friedrich H. zahlt einen Eigenanteil von 2.112,40 Euro.

Insgesamt bleiben jeden Monat 646,84 Euro, die nicht durch die Rente und die soziale Pflegeversicherung abgedeckt sind. Die beiden Töchter teilen sich den Betrag. Eine ist geschieden, die andere alleinerziehend. Beide haben Kinder, die noch studieren. „Es ist für uns selbstverständlich“, sagt die ältere Tochter, „aber es fällt uns verdammt schwer.“ Die jüngere meint: „Nicht auszumalen, wenn auch unsere Mutter ein Pflegefall geworden wäre. Sie hatte wie viele Frauen nur eine kleine Rente. Dann wäre unsere Familie wohl zum Sozialfall geworden.“

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