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Ein starkes Team

erschienen in Clara, Ausgabe 11,

Eigentlich sind Reinhard Kotschi und Kai Fürntratt der Schwarm aller Schwiegermütter. Die beiden machen sehr viel im Haushalt.

Reinhard und Kai sind die Haushaltsreferenten der Fraktion. Jedes Jahr im Herbst finden im Bundestag die Debatten zum Bundeshaushalt statt. Selbst in der eigenen Fraktion hören Reinhard und Kai mitunter: Was macht ihr eigentlich in der restlichen Zeit? Vielen ist völlig unbekannt, wie aufwendig die Arbeit eines Haushälters weit weg von den Fernsehkameras des Plenums ist. Die wenigsten wissen um die unendlich vielen und mitunter auch endlos langen Gespräche in Ministerien und Bundesbehörden. Und kaum einem ist klar, wie anstrengend Sitzungen des Haushaltsausschusses sein können. Die gehen auch gern mal bis drei Uhr morgens. Dokumente im Umfang einer zwölfbändigen Enzyklopädie sind eher Normalität als Ausnahme. Und nicht selten werden die Ausschussmitglieder unmittelbar vor der Sitzung mit vielseitigen Vorlagen überrascht, die dennoch seriös beurteilt werden müssen. In solchen Situationen sind die vier für Haushaltspolitik zuständigen Abgeordneten der Fraktion besonders stark auf die beiden Referenten angewiesen.

Die Parlamentarier wurden noch nie enttäuscht. Was auch daran liegt, dass Reinhard und Kai sich nahezu blind verstehen und hundertprozentig aufeinander verlassen können.

Kai und Reinhard haben eine hohe Verantwortung. Sie sind sozusagen die ehrlichen Kaufleute der Fraktion. Einer der häufigsten Vorwürfe gegenüber der LINKEN ist, dass sie populistisch Dinge verspreche, die niemand bezahlen könne. Angesichts der überaus ungerechten Verteilungspolitik in unserem Land gibt es auch in der Linksfraktion viele Ideen, wo und wie investiert werden müsste. Es ist an Reinhard und Kai, dann zu sagen, lasst uns gemeinsam schauen, wo das Geld herkommen könnte für unsere guten Vorhaben.

So hat die Fraktion in einem Antrag zum Bundeshaushalt 2009 Einsparungen von rund dreieinhalb Milliarden Euro durch die Beendigung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr und den Verzicht auf unsinnige Verteidigungsausgaben wie Eurofighter und Tornado gefordert. Und gleichzeitig beantragt, die Bundesregierung möge endlich die mehreren Milliarden Euro der noch ausstehenden Maut-Gebühren für die Staatskasse eintreiben. Wir erinnern uns: Die Mautbetreiber DaimlerChrysler und Deutsche Telekom starteten die Maut-Erhebung für Lkw Anfang 2005 erst sechzehn Monate später als geplant.

Das größte Potenzial einer gerechten Umverteilung liegt nach Reinhards und Kais Rechnung in der stärkeren Beteiligung wirtschaftlich Leistungsfähigerer an den Kosten des Gemeinwesens. Geld ist also durchaus da, um etwas gegen Kinder- oder Altersarmut, für Bildung, für Gesundheitsförderung, für erneuerbare Energien zu tun. Aber es fehlt der Bundesregierung am notwendigen politischen Willen. Sicherlich ist es nicht leicht, wirklich gerecht zu sein. Aber man muss es doch wenigstens wollen.

Geradezu reflexartig werden Anträge der Linken im Bundestag abgelehnt. So viel Engstirnigkeit kann schon deprimierend sein. Aber Reinhard und Kai lassen sich davon nicht beirren. Sondern setzen auf die Kraft der Vernunft. Vielleicht hat das auch mit ihren Biografien zu tun.

Von Sachsen-Anhalt
über Kiew nach Berlin

Reinhard Kotschi wird 1949 kurz vor Weihnachten in Harzgerode geboren. Er geht in Quedlinburg zur Schule und absolviert in Magdeburg eine Berufsausbildung mit Abitur zum Chemiefacharbeiter. Sein Vater will, dass er was Praktisches lernt, etwas fürs Leben.

Später studiert Reinhard in Kiew Wirtschaftsmathematik und ist nach seiner Rückkehr bei der Staatlichen Plankommission in Berlin zuständig für gesamtwirtschaftliche Berechnungen des Materialverbrauchs. Je weniger Material es gab, desto mehr musste gerechnet werden. Im Jahr 1990 wird Reinhard Mitarbeiter für Wirtschaftspolitik bei der PDS-Fraktion in der DDR-Volkskammer. Es bleibt ihm nur kurze Zeit in Berlin. Am 3. Oktober 1990 zieht er gemeinsam mit 142 Volkskammerabgeordneten, davon 17 von der PDS, nach Bonn.

Als die PDS 2002 den Einzug ins Parlament verpasst, verliert Reinhard - inzwischen seit acht Jahren Haushaltsreferent der Bundestagsfraktion - seine Arbeit, unterstützt aber die zwei verbliebenen Bundestagsabgeordneten mit ganzer Kraft. Nur noch Gesine Lötzsch und Petra Pau waren als direkt gewählte Abgeordnete für die PDS in den Bundestag gekommen. Die beiden hatten nach wie vor ihre Überzeugung, aber erstmals keine eigene Lobby. Und keinen eigenen Tisch. Die Story ging durch sämtliche Medien.

Im Herbst 2005 kehrt die PDS-Fraktion in den Deutschen Bundestag zurück und damit auch Haushaltsreferent Kotschi. Auf die Frage nach dem schönsten Erlebnis in seinem Haushälterleben antwortet er: »Als es nach zehnjährigem Kampf endlich gelungen ist, im Bundeshaushalt Mittel für die Rosa-Luxemburg-Stiftung einzustellen.« Bis 1998 war die PDS nur als Gruppe im Bundestag, weil sie zur Bundestagswahl nicht die Fünfprozenthürde - und damit die Voraussetzung für den Fraktionsstatus - geschafft, aber drei Direktmandate errungen hatte. Immer wieder wurde die Verweigerung der Stiftungsgelder damit begründet, dass sie einer Gruppe im Bundestag nicht zustünden. Die Grünen waren von 1990 bis 1994 ebenfalls nur als Gruppe im Bundestag. Ihre parteinahe Heinrich-Böll-Stiftung erhielt die staatlichen Gelder in voller Höhe.

Sozialismus
im Selbstversuch

Kai Fürntratt wird 1961 kurz nach dem Mauerbau geboren. In Graz, wo seine Eltern studieren, der Vater Österreicher, die Mutter Norddeutsche. Als sie sich - Kai hat inzwischen zwei Geschwister - trennen, geht sein Vater mit den Kindern nach Schweden. Das ist das Land, das seiner Meinung nach einen Sozialismus jenseits aller anderen Versuche aufbaut. Vier Jahre später folgt der Vater einem Ruf als Hochschullehrer und zieht mit den Kindern nach Deutschland. Kai beginnt 1980 ein Wirtschaftsstudium in Bonn und macht 1982 sein Vordiplom.

Kai ist 26 Jahre alt, als er beschließt, nicht mehr Österreicher, sondern Deutscher sein zu wollen. Er geht zuvor noch einmal für zwei Jahre nach Schweden, arbeitet dort beim Rundfunk und beim Fernsehen. Vor seiner endgültigen Rückkehr nach Deutschland lebt er drei Monate in einem israelischen Kibbuz nahe Haifa, um eine weitere sozialistische Lebensform auf ihre Wirklichkeitstauglichkeit zu überprüfen.

1987 beendet Kai sein Studium an der Technischen Universität in Berlin als Diplom-Volkswirt, danach begleitet er Forschungsprojekte an der Uni, arbeitet in der Satztechnik der Zeitung taz, bietet freiberuflich Seminare und Trainings für Internet-unternehmen an, ist ein Jahr lang als Angestellter zuständig für den Internetauftritt einer Tochter des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und dann ein halbes Jahr arbeitslos.

Beim Volleyballspiel hatte Kai den Büroleiter der Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch kennengelernt. Ende 2002 wird Kai verantwortlich für deren Internetauftritt. Gesine ist beratendes Mitglied im Haushaltsausschuss des Bundestages. Kai wird in Haushaltsfragen beratendes Mitglied von Gesine.

Wenn es hektisch wird, stellt sich Kai heute manchmal einfach auf den Kopf. Das ist das Einzige, was ihm von einem lang zurückliegenden Yoga-Lehrgang geblieben ist. Er sagt, dass das die Perspektive verschiebe. Man sehe dann die Welt von unten. Was kann man von einem Linken mehr erwarten?

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