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Ein halbes Jahrhundert 68er

erschienen in Clara, Ausgabe 46,

1968 ist nun 50 Jahre her. Was ist aus Ihrer Sicht damals alles ausgelöst worden?

Gretchen Dutschke: Das, was heute normal ist, war vor der 1968er-Rebellion alles andere als normal: Akzeptanz von Verschiedenheit, Nonkonformität und etwa die Bereitschaft, Ungerechtigkeiten infrage zu stellen. Oder Männer, die sich mit Kindern und Haushalt beschäftigen, alle möglichen Arten von Partnerschaften und Verhältnissen, ohne bestraft zu werden. Frauen sollten nicht von Männern abhängig sein, um ihre Träume leichter verwirklichen zu können.

War 1968 also eine Kulturrevolution?

Ja, es war eine Kulturrevolution. In Deutschland bedeutete es eine Auseinandersetzung mit den autoritären Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen der Adenauer-Zeit, somit auch mit den Relikten aus der Nazizeit, bis hin zu einer antiautoritären und demokratischen Einstellung in Erziehung, Ausbildung und im Verhältnis zwischen Männern und Frauen.

Wie hat die Zeit damals Sie geprägt, Sie und andere beteiligte Frauen?

Es entwickelte sich ein Bewusstsein dafür, dass Frauen von den Männern ausgegrenzt wurden, dass patriarchalische Traditionen bekämpft werden müssten, und dies war mindestens genauso wichtig wie die herkömmliche Klassenausbeutung. Oder wie man heute sagt, die Ausbeutung durch das eine Prozent.

Spielte das Thema Emanzipation auch in der privaten Partnerschaft eine Rolle?

Darüber haben wir natürlich diskutiert. Ich habe Rudi beschrieben, wie schlimm die Frauen im SDS oft von den Männern behandelt wurden. Er hatte es vorher eigentlich nicht zur Kenntnis genommen. Aber er wusste auch nicht so recht, was er dagegen tun könnte.

Brauchen wir angesichts des gegenwärtigen Rechtspopulismus in ganz Europa wieder einen gesellschaftlichen Aufbruch von links?

Unbedingt! Es muss in der Tat wieder einen wirklich neuen Aufbruch von links geben, wenn wir nicht in einem bedrohlich anwachsenden faschistischen Sumpf versinken wollen.

Welche Botschaft möchten Sie Leuten von heute mit auf den Weg geben?

Sich auf keinen Fall nur auf die sozialen Medien zu begrenzen. Es braucht gelebte Gemeinsamkeit, das Zusammensitzen, um direkt miteinander und nicht nur im anonymen virtuellen Raum zu diskutieren. Es braucht wieder Demonstrationen gegen das herrschende Unrecht. Und es braucht auch ein historisches Wissen; wir benötigen Erkenntnisse über die Geschichte, über das, was schon geschehen ist, was gelang und was nicht gelang. Es braucht eine Zukunftsvision mit klar definierbaren, gemeinsamen Zielen.

Die Fragen stellten Jürgen Müller und Christoph Ludszuweit

 

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