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Ein Baum ohne Wurzeln verliert seine Blätter

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Dietmar Bartsch, MdB und Bundesgeschäftsführer über neue Herausforderungen der LINKEN: »Wer Politik gestalten und verändern will, muss regieren wollen und können.«

Der Mann redet schnell und ununterbrochen. Dietmar Bartsch ist Vorpommer-aner - eigentlich untypisch für seinen Menschenschlag. Er wartet nicht auf die erste Frage der Journalistin, aber er hat es auch nicht eilig, Mitteilungen unterzubringen, nur weil sie ihn im Urlaub besucht, nach seinen Lebenslinien und seinem politischen Engagement in Vergangenheit und Zukunft befragt. Er erzählt - die mittlere Lebensreife von 49 Jahren berechtigt ihn dazu - von früher und vergleicht mit dem Heute. So oder so, es waren stürmische Zeiten, manchmal orkanartig. Er blieb dennoch meistens gelassen, sagen seine Freunde und auch weniger Wohlgesinnte. Hier an der Ostsee ist sein Wahlkreis. Im heimatlichen Prerow verbringt er auch seine Ferien und hat Muße, ein wenig auf den Wogen des Erfolgs der vereinten LINKEN zu surfen. Doch Berlin ist mit seinem schläfrigen Sommerbetrieb nicht so weit weg, holt den Abgeordneten wieder ein. Mal ruft jemand aus seiner »Jugendbrigade«, wie er gern junge Politiker der nachfolgenden Generation nennt, an und braucht Rat. Dann wollen Medien einen O-Ton für ihr themenarmes Sommerloch.

Umfragehoch
für die LINKEN

Der Anlass: Die jüngste Allensbach-Umfrage. Sie bescheinigt, die sozialistische Idee erlebe auch in Westdeutschland eine ganz unerwartete Blüte. Tatsächlich? Es ist kaum zu glauben: Die bloße Existenz der LINKEN beschleunige den Mentalitätswandel, ohne den es keinen Weg in eine andere Gesellschaft geben kann. Dietmar Bartsch ist erfahrener geworden, springt nicht auf jedes Umfragehoch, auch wenn er sich freut. Als Bundesgeschäftsführer ist er einer der ersten »Verkäufer« linker Politik, ein Pragmatiker, der den bitteren Nachgeschmack der Niederlage der PDS bei der Bundestagswahl 2002 nicht verdrängt hat. Damals waren die Umfragewerte auch gut, heute sind sie besser.
Damals, nach dem Geraer Parteitag im Oktober 2002, zog er die Jacke des »Kam- sah-und-siegte-Typen« aus und ging mit sich in Klausur. Er übernahm die Verantwortung für Fehler. Dass die Programmdiskussion innerhalb der Partei nicht weiter geführt wurde, sei der größte gewesen. Rückblickend meint er über diese Zeit: »Wenn man sich auf der Straße der Sieger wähnt, macht man die größten Fehler.« Weil er bereit sei zu lernen, sei er heute vorsichtiger in seinen Einschätzungen. »Die Ruhe ist mir manchmal etwas abhandengekommen«, meint er nachdenklich. Die leicht ironische Distanz zu sich selbst hat er bewahren können. Wenn Dietmar Bartsch redet, fasziniert seine Art. Ein Gedanke formt sich zum Satz und kommt auf den Punkt, der kein Satzende ist. Kurze Pause, durchatmen, dann sackt der
Gedanke tiefer, um in vielen Schleifen wortreich weiterzuleben. Dietmar Bartsch misstraut absoluter Gewissheit, sie ist ihm suspekt.

Moderator linker Politik

Aber er mag Klarheit in der Aussage, was linke Politik istrungen wird. Wie bei Neugründungen üblich, gibt es viele Lager, an der Basis, in der Fraktion und in den gewählten Gremien der Bundespartei. Nicht zuzulassen, dass sie extrem auseinanderdriften, ist schon fast ein Kunststück. Bartsch hat Übung im Moderieren unterschiedlicher Positionen. Für viele Ostdeutsche soll er Garant dafür sein, dass die heiß erkämpften Grundwerte der PDS in der neuen Partei auf- und nicht verlorengehen. Er kennt die Befürchtungen mancher Genossen, zu viel Sozialdemokratie könnte in der neuen LINKEN Platz finden. Darauf angesprochen, fragt er salomonisch zurück: »Was ist schlecht an der Sozialdemokratie eines August Bebel?« Natürlich weiß er auch, dass diese Frage, die eine Antwort sein soll, nicht befriedigen kann. Ihre Wirkung regt jedoch zum Nachdenken an.

Politik ist
Lust am Gestalten

Dietmar Bartsch hat wegen seiner unterschiedlichen Betätigungsfelder als Abgeordneter und Parteimanager ein Gespür für Situationen und weiß, wann er eingreifen muss. Oft ist in den vergangenen Wochen von Verkündigungspolitik in der eigenen Partei und in den Medien die Rede gewesen. Tendenzen dazu gäbe es auch in der Bundestagfraktion, meint Dietmar Bartsch. Zentrale politische Entscheidungen fielen aber in den Parteigremien und seien das Ergebnis souveräner Parteitage der LINKEN. Punktum, die klare Aussage eines Profis, der Politik nicht als heimlichen Zweitentwurf für sein Leben betrachtet. Politik ist für ihn mehr Lust am Gestalten als Bürde.

»Ein Baum ohne Wurzeln verliert seine Blätter«, ist ein Satz, den er gern benutzt, um deutlich zu zeigen, dass seine Wurzeln in der PDS und in Ostdeutschland sind. Dietmar Bartsch steht dafür, dass miteinander diskutiert wird, unterschiedliche biografische und politische Lebensläufe respektiert werden. Deswegen wird er geschätzt. »Ich bin dafür, dass wir Konflikte ausdiskutieren, aber man muss auch entscheiden. Dafür sind wir in der Verantwortung der Menschen, die uns gewählt haben.« Für ihn gibt es kein entweder oder in der Frage Opposition oder Regierungsverantwortung. Wer Politik gestalten und verändern will, muss regieren wollen und können.

Politik zwischen
Programmatik und Show

Politik erscheint vielen Bürgerinnen und Bürgern heute oft in zwei Formen: einer sichtbaren mit viel Talk und Show und einer hintergründigen mit weniger Entertainment, die an der Sache arbeitet. An letzterer ist Dietmar Bartsch mehr interessiert. Ihr in Programmatik und Richtung Impulse zu geben ist seine Aufgabe. Daran wird er gemessen. Das große Projekt Emanzipation, die Herstellung sozialer Gerechtigkeit heißt für DIE LINKE, den gesellschaftlichen Graben, der zwischen aktiver und passiver Teilhabe entlang einer sichtbaren Qualifikationsgrenze verläuft, auch für das abgehängte Drittel zuzuschütten. Linke Politik muss aber ebenso die gesellschaftliche Mitte für ihre Ziele interessieren, das heißt: Mehrheiten gewinnen.

Die Welt aus der Sicht
der Basis sehen

Schon schlussfolgern Politologen, DIE LINKE sei wahrscheinlich die einzige Partei, die kreativ und rational auf die neuen Herausforderungen in einer globalen Welt reagieren könne. Welch eine Chance! Nun muss die Partei die nächsten Schritte wagen. Ideen dafür dürfen nicht in kleinen Zirkeln entstehen. Eine starke LINKE hat viele Gesichter, sie muss programmatische Netzwerke gründen. Sie muss die Welt aus Sicht der Basis und nicht von oben betrachten. Die Gründung der LINKEN hat bei vielen Bürgerinnen und Bürgern große Hoffnungen geweckt, dass ihre existenziel-len Probleme schnell gelöst werden können. Sie wollen nicht nur den Protest, sondern Alternativen, die den neoliberalen Sozialabbau und die kriegerische Außenpolitik in Afghanistan rückgängig machen. Doch Politik funktioniert meist in kleinen Schritten und über Kompromisse, die ehrlich erklärt werden müssen. Mehrheiten gewinnen heißt für Dietmar Bartsch, mit guten, besseren Argumenten zu überzeugen. Es gäbe nicht nur eine Antwort auf die globale Herausforderung, eine sozial gerechtere Welt zu gestalten. Am Ende des Gesprächs kommt der Journalistin wieder das Bild mit dem Baum und seinen Wurzeln in den Sinn. Es passt gut für die neue Partei: Bäume werden veredelt, indem man ihnen Reiser aufpfropft. Ein Baum von neuer Güte entsteht, wenn er gepflegt wird.

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