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Editorial

Von Dietmar Bartsch, erschienen in Clara, Ausgabe 32,

machen Sie das auch gelegentlich: am Wochenende mal eben an die polnische Ostseeküste oder ins Elsass fahren? Sind Sie schon durch Fjorde geschippert oder die Donau entlang geradelt? Haben Sie sich über fabelhafte EU-geförderte Radwege gefreut oder über die Geld-verschwendung geärgert? Wird Ihnen auch flau im Magen, wenn Sie an genmanipuliertes Essen denken? Macht Ihnen die Kraftmeierei um die Ukraine Sorge und die Tatsache Angst, dass in Kiew Faschisten mit in der Regierung oder immer mehr Rechtspopulisten in französischen Rathäusern sitzen? Europäische und internationale Politik geschieht nicht irgendwo, fernab unserer Grenzen. Sie beeinflusst unseren Alltag.

Seit dem Jahr 2008 hat die Krise Millionen Menschen vor allem im Süden Europas in Existenznot gebracht, während sich zugleich die Superreichen die Taschen immer mehr vollgesackt haben. In dieser clara erfahren Sie, wie sich der Reichtum in Deutschland entwickelt und dass die Vermögen in keinem anderen europäischen Land so ungleich verteilt sind. Eine neue, skurrile transatlantische Partnerschaft könnte diesen Trend verstärken: Was Pia Eberhardt, Hans Thie und Christian Christen über das so harmlos als »Freihandelsabkommen« daher-kommende TTIP berichten, wird Ihnen den Atem verschlagen. Da ist von Feme-gerichten im 21. Jahrhundert zu lesen und von Abgeordneten, die sich selbst entmachten; Sie erfahren, wie Ge-heimniskrämerei als vertrauensbildende Maßnahme verkauft und selbst die Absurdität noch geregelt wird. Ob Europa als Chance begriffen und genutzt wird, ist offen – dieser Schluss ergibt sich aus Katja Kippings Blick »in die Vergangenheit der Zukunft«. Ganz wichtig ist es, dass Bürgerinnen und Bürger ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Im Landkreis Ilmenau stimmte eine deutliche Mehrheit per Bürgerbe-gehren für die Rekommunalisierung der Abfallentsorgung. Petra Enders, eine von drei Landrätinnen der Partei DIE LINKE. in Thüringen, hat sie dazu ermuntert.

Wenn Sie und ich am 25. Mai das Europäische Parlament (und in zehn Bundesländern die Kommunalvertretungen) wählen, tun wir das auch vor dem Hintergrund alarmierender Entwicklungen und schwerster Menschrechtsver-letzungen auf unserem Kontinent. Ulla Jelpke zeigt, wie Europas abgeschottete Grenzen zur tödlichen Falle für Hunderte von Flüchtlingen werden. Wir schauen darauf, wie europaweit Frauenrechte ignoriert und zurückgedrängt werden. Und wir sprechen mit Wolfgang Gehrcke. Er war in Moskau, hatte Begegnungen mit Putin-Gegnern und Putin-Fans und wollte vor Ort erfahren, wie russische Politik tickt und was sie vorhat.

Wie wenig solidarisch es in Deutschland zugeht, belegt Caren Lay anhand der Energiewende. Das offenbart ebenso mein Kollege Matthias W. Birkwald. Er nimmt das aktuelle Rentenpäckchen der Regierung unter die Lupe und erinnert daran, dass es seit den 1970er Jahren keine Verbesserungen für Rentnerinnen und Rentner mehr gab.

In der neuen clara werden Sie wieder Anregendes und Aufregendes, Erstaun-liches und Ermutigendes finden und interessante Leute treffen. Neben anderen den Kabarettisten Werner Schneyder, der »auszog, um politisch zu werden«, Albrecht von Lucke, Publizist der Monatszeitschrift »Blätter für deutsche und internationale Politik«, oder Martin Schirdewan und Fabio De Masi – zwei junge Männer auf dem Weg ins Europaparlament. Schließlich erinnern wir an den großartigen kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez. Nehmen Sie sich Zeit zum Lesen, es lohnt sich! Danach können Sie das Heft ja nebenan in den Briefkasten stecken – und machen Sie einen Zettel an die Seite 44!

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