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Editorial

Von Cornelia Möhring, erschienen in Lotta, Ausgabe 11,

Linker Feminismus - eine Marke, ein Projekt, eine Zukunft!

Liebe Leserin, lieber Leser,

Als Feminist_innen sind wir viel zu oft in der Verteidigungshaltung. Selbst unter jenen, die den Feminismus nicht grundsätzlich ablehnen, wird er abwechselnd für noch nicht oder nicht mehr aktuell zur Seite gelegt. Die einen argumentieren mit scheinbar drängenderen Problemen, die anderen mit den Erfolgen bei der rechtlichen Gleichstellung von Frauen. Beides ist falsch. Denn eine Linke, die nicht feministisch ist, ist nicht links. Viel zu eng sind Sexismus und Kapitalismus verwoben, aufeinander verwiesen. Zu sehen an der geschlechtlichen Arbeitsteilung und der Abwertung typischer Frauenberufe. Und ein Feminismus, der nicht links ist, drückt Frauen bloß in jene männliche Form, die unserer Gesellschaft als Norm gilt. Verhandelt werden dann etwa Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die jedoch an der Arbeitswelt nichts grundsätzlich ändern.

In dieser Lotta möchten wir zu einem neuen, einem erneuerten Projekt eines Linken Feminismus aufrufen, das beide Perspektiven von Anfang an und konsequent zusammendenkt. Denn wir wollen mehr als Gleichstellung, wir wollen tatsächliche Emanzipation. Unsere Kämpfe sind deshalb heutzutage oft ein entschiedenes Dagegen, aber sie sind mindestens genauso oft ein kräftiges Dafür. Die vielfältigen Beiträge in dieser Ausgabe erzählen davon. Vieles bündelt sich im Thema Zeitsouveränität. Dahinter steht die Forderung nach einer grundlegenden Umverteilung von Arbeit und Zeit, die nicht auf Vereinbarkeit von Unvereinbarem zielt, sondern auf eine autonome Perspektive. Auf Zeit zur eigenen Entfaltung, in- und außerhalb der Erwerbsarbeit. Auf Zeit für das ganze Leben. Heute machen wir uns deshalb Gedanken über neue Arbeitszeitmodelle als erstem Baustein einer gerechteren Organisation der unbezahlten Arbeit. Eng damit verbunden ist eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen – auch im Alter. Der Verein der in der DDR geschiedenen Frauen berichtet von ihrem Jahrzehnte andauernden Kampf darum.

Souveränität über das eigene Leben bedeutet auch immer Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Ein Linker Feminismus tritt daher weiterhin für legale und sichere Schwangerschaftsabbrüche ein und stellt sich ganz aktuell gegen die Neuregelung des Prostitutionsgesetzes, das weibliche Sexualität unter Generalverdacht stellt. Bei all dem sind Frauennetzwerke und Frauenräume eine zentrale Brutstätte für neue feministische Ideen und Initiativen. Diese Lotta stellt Beispiele aus Kultur und Wirtschaft vor, und versteht sich selbst als Beispiel und Teil davon. Ich hoffe, auch diese Ausgabe regt an, weiterzudenken, weiterzukämpfen, sich weiter einzumischen.

Ihre
Cornelia Möhring