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Die widerspenstigen Niederbayern

Von Kornelia Möller, erschienen in Clara, Ausgabe 20,

Eine bayerische Bürgerinitiative kämpft seit über 30 Jahren gegen Bombenabwürfe und erreicht vielleicht bald ihr Ziel: die Schließung des Bombodroms in Siegenburg.

Normalerweise mögen die Herren und Damen im Bundesverteidigungsministerium Blasmusik. Aber was sich da vor ein paar Monaten vor den Türen ihres Ministeriums abspielte, entsprach wohl nicht ihren Vorstellungen. Weil seit Jahrzehnten Kampfjets über ihre Dörfer donnern, die Politik sich aber bisher wenig darum kümmert, waren 50 Mitglieder einer Bürgerinitiative aus Bayern samt Bürgermeistern, Landrat und Blaskapelle angerückt. Mit dem zuständigen Staatssekretär wollten sie über das Bombodrom in ihrem fernen Siegenburg sprechen. Doch der ließ sich kurzfristig entschuldigen.
Immerhin lud ein Mitarbeiter des Besucherservice des Ministeriums die Bayern zum Plaudern ein und musste zugeben, den Übungsplatz nicht einmal zu kennen. Wie die Mitglieder der Bürgerinitiative den Umgang im Ministerium empfanden, konnte man später in einer großen Tageszeitung lesen. »Man hat uns hier verarscht«, wurde ein Bayer zitiert.
Ortswechsel. Am selben Tag nur wenig später im Saal der Fraktion DIE LINKE im Bundestag: Dorthin hatte die Abgeordnete Kornelia Möller zur Diskussion nicht nur die Bürgerinitiative eingeladen, sondern auch Abgeordnete der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Grünen. Spontan kam die Idee auf, fraktionsübergreifend einen Antrag an die Bundesregierung zu stellen, um den Bombenabwurfplatz stillzulegen. Über dieses Treffen schrieb die Mittelbayerische Zeitung: »Dass sich die Politiker über Parteigrenzen hinweg einig sind und konservative Abgeordnete zu dem Gespräch in den Fraktionsraum der LINKEN kamen, könnte den Durchbruch für die seit 1978 kämpfende Bürgerinitiative bedeuten.«
In Berlin dabei war auch der Vorsitzende der Bürgerinitiative, Wolfdietrich Rading (61). »Die anderen Parteien haben uns in all den Jahren nie eingeladen«, sagt er. Durch dieses Treffen mit Kornelia Möller sei die Problematik des Bombodroms bei der Berliner Politik endlich wieder auf die Tagesordnung gekommen. Die enorme Beachtung durch die Medien und die Idee zum Antrag wertet er als Erfolg.
Seit mehr als 30 Jahren kämpfen die Niederbayern gegen den Übungsplatz, in dessen Einzugsgebiet mehr als 35 000 Menschen leben. Was Rading besonders ärgert: Auf dem Übungsplatz werden Kampfmethoden geprobt, die heute keine Rolle mehr spielen, etwa das Abwerfen von Bomben aus extrem niedriger Höhe.
Auch den Bundesrechnungshof haben die Siegenburger auf ihrer Seite. Im Jahr 2007 kritisierte dieser, dass trotz einer stetig sinkenden Zahl von Einsätzen Nutzungsgebühren von mehr als 500.000 Euro anfielen. Die Empfehlung an die Bundesregierung lautet: »Übungsplatz aufgeben.« Doch ohne Wirkung.
Dabei liegt das Bombodrom inmitten eines Grundwasserschutzgebietes. Es gibt Indizien dafür, dass auf dem Übungsplatz in den 1990er Jahren US-Flieger mit Uranmunition schossen und noch Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg dort vergraben sind. Das Gebiet müsste eigentlich dringend saniert werden. Auf der Sanierungsliste des Landkreises Kelheim steht es an erster Stelle.
Zu den Sorgen der Siegenburger zählt auch, dass ein Kampfjet auf ihre Häuser oder aber auf die Ölraffinerien in unmittelbarer Nähe abstürzen könnte. »Ein Absturz wäre ein ökologisches Desaster«, sagt Rading. Dass diese Ängste berechtigt sind, zeigt ein Vorfall Anfang April. Im rheinland-pfälzischen Laufeld stürzte ein Kampfjet vom Typ A10 der US-Amerikaner nur 250 Meter von den Häusern des Dorfes entfernt ab.
»Alle Gründe sprechen für uns«, sagt Wolfdietrich Rading, dessen Initiative aus dem Übungsplatz gern einen Naturpark zum Wohle der Allgemeinheit machen würde. Nun warten die Siegenburger darauf, dass die Abgeordneten ihr Versprechen einlösen und der Antrag zur Stilllegung zustande kommt.

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