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Die verkorkste Pflegereform

erschienen in Klar, Ausgabe 25,

Die Regierung feiert sich für geplante Änderungen in der Pflege. Doch die grundsätzlichen Probleme werden nicht behoben.

 

Im Leben von Friedrich H. gleicht ein Tag dem anderen. Um 8 Uhr weckt ihn eine Pflegerin oder ein Pfleger, wäscht und zieht ihn an. Danach gibt es Frühstück. Den Rhythmus des restlichen Tages bestimmen die Mahlzeiten. Damit er nachts nicht herumirrt, bekommt er Schlafmittel verabreicht. Friedrich H. hat Pflegestufe II: Er ist schwer pflegebedürftig, an Demenz erkrankt und wohnt in einem Pflegeheim in Hamburg.

Um 12 Uhr gibt es Mittagessen. Abendbrot erhält er immer um 17.30 Uhr. »Mein Vater bekommt gutes Essen, hat ein schönes Zimmer, aber ausreichend Zeit für eine aktivierende Pflege bleibt dem Pflegepersonal nicht«, berichtet eine seiner beiden Töchter. Die Beschäftigten seien zwar freundlich und gewissenhaft, aber ihnen bleibt wenig Zeit für soziale Betreuung. »Würde ihm eine Pflegekraft beim Zeitunglesen assistieren, wäre das ein großer Zugewinn an Lebensqualität«, sagt sie.

Dass die Pflegerinnen und Pfleger dafür keine Zeit haben, ist das Versagen der Politik: Seit mehr als 17 Jahren wurden die Leistungen der stationären Pflege in den Stufen I und II nicht erhöht. Im stationären Bereich muss sich eine einzige Betreuungskraft um 25 Menschen mit Demenz kümmern.

Der Kern des Problems ist der eng gefasste Pflegebegriff, der der Pflegeversicherung zugrunde liegt. Er berücksichtigt vorwiegend körperliche Gebrechen. Es geht ums Kämmen, Waschen, Ankleiden und Essen. Ausreichend Kommunikation und soziale Teilhabe sind nicht vorgesehen.

Eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission hat vor mehr als drei Jahren einen Vorschlag für eine neue Definition des Pflegebegriffs vorgelegt. Doch den setzt die Bundesregierung nicht um. Stattdessen begnügt sie sich im Pflegeneuausrichtungsgesetz mit ein paar zusätzlichen, vorübergehenden Leistungen für Menschen mit Demenz – je nach Pflegestufe und Leistungsform 70 bis 225 Euro. Die sind aber nur für Menschen mit demenziellen Erkrankungen gedacht, die zu Hause betreut werden und die bisher in der Pflegeversicherung so gut wie keine Berücksichtigung finden.

Für diese Menschen sind die Reformen der Regierung der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein, meint Frank Eßers, der in der ambulanten Pflege arbeitet. Die wenigen Euro brächten den Betroffenen nur wenige zusätzliche Stunden Betreuung pro Monat.

Das Hauptproblem sieht der 44-jährige Berliner in der Besonderheit der Demenz-Erkrankung, die spezielle Pflege erfordert. »Demenzpatienten brauchen viel mehr Zeit und Geduld, ihre Pflege ist viel aufwendiger«, sagt Eßers. Ein klarer Kopf denke und arbeite mit, ein erkrankter hingegen mache die Pflegearbeit schwieriger. Beispiel Ankleiden: »Bei manchen Patienten muss ich täglich jeden einzelnen Schritt von Neuem erklären. Und manchmal erkennen sie mich gar nicht, wollen sich dann auch nicht helfen lassen«, berichtet Eßers. Die Arbeit sei demzufolge oft unkalkulierbar und Pflege ein schwieriges Unterfangen. »Um diesen Menschen wirklich zu helfen, müsste man viel mehr Geld in die Hand nehmen«, sagt Eßers.

Auch ein weiteres Problem behebt die Regierung mit der Reform nicht: Die Leistungen der Pflegeversicherung decken den individuellen Bedarf nicht. Das spürt die Familie von Friedrich H., der mit 1465 Euro eine überdurchschnittliche Rente bekommt. Die Heimkosten für Friedrich H. addieren sich auf 3391 Euro im Monat. Die Pflegekasse übernimmt nur 1279 Euro. Friedrich H. muss seine komplette Rente draufzahlen, und seine Töchter müssen weitere 646 Euro zuschießen.

Regina Stosch

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