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„Die Sprache verrät, wie verlogen das System ist“

erschienen in Klar, Ausgabe 17,

Peter Ensikat gilt als der „Dieter Hildebrandt des Ostens“.  Klar sprach mit ihm über Ähnlichkeiten zwischen BRD und DDR und darüber, warum es schwer fällt, Guido Westerwelle zu parodieren.

 

 

Herr Ensikat, als Binsenweisheit gilt, dass Witze in Krisenzeiten am besten funktionieren. Derzeit erleben wir die größte Krise seit Jahrzehnten. Lachen Sie gerade besonders viel?

 

Peter Ensikat: Bei Guido Westerwelle zum Beispiel, da fällt mir gar nichts mehr ein. So tief kann man als Satiriker gar nicht schießen.

Wieso?

Etwa seine Äußerungen zur spätrömischen Dekadenz: Entweder weiß Westerwelle nichts über das alte Rom, oder er weiß nichts über das neue Berlin. Vermutlich weiß er von beidem nichts.

Verzeihung, aber warum können Sie als Satiriker nicht auf ihn eingehen?

Das ist einfach ein so dummer Populismus. Westerwelle ist die Inkarnation des Stammtisches – und das sollte eigentlich das Kabarett machen und nicht der Außenminister. Stammtisch – das ist mein Job. Ich gebe aber auch zu, oft habe ich keine Lust mehr, etwas zu aktuellen politischen Dingen zu sagen.

Warum?

Ich fühle mich an die 80er Jahre der DDR erinnert. Im Grunde macht doch Kabarett heute das gleiche wie damals in der DDR. Es bringt die Leute zum Lachen über Zustände, über die man eigentlich weinen müsste.

Was genau meinen Sie?

Die DDR ist einst daran gescheitert, dass die Partei und die Regierung die Wirklichkeit nicht wahrgenommen haben. Genau so empfinde ich das jetzt wieder. Wir stolpern von Krise zu Krise, und nichts ändert sich. Beispielsweise Honeckers Ausspruch „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ – nichts anderes tut die Regierung jetzt: Immer weiter so.

In ihrem aktuellen Buch schreiben Sie, es sind nicht die Unterschiede zwischen DDR und BRD, die Sie erschrecken, sondern die Ähnlichkeiten.

Ja, mein Lieblingsbeispiel sind das Politbüro der SED und der Vorstand der Deutschen Bank. Beide wurden und werden nicht vom Volke gewählt und haben zu viel Macht. Für mich als Ossi ist es erschreckend, dass das, was wir damals als übertriebene Darstellung des Westens empfunden haben, leider der Realität entspricht.

Zum Beispiel?

Wenn ich nur an Brechts wunderbaren Satz denke: Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Brecht meinte vermutlich auch mal, er würde damit übertreiben, nur hatte er leider damit recht.

Das klingt etwas resigniert?

Ja, in vielen Dingen habe ich resigniert. Aber zum Glück habe ich noch das Schreiben, da kann ich meine Gedanken in die Schreibmaschine hämmern und muss nicht zum Therapeuten aufs Sofa.

Gar keine Hoffnung, immerhin hat sich in der DDR ja auch noch was verändert?

Hätte ich die Hoffnung völlig aufgegeben, dann würde ich nicht mehr schreiben. So weit geht die Resignation dann doch nicht. Die Wut kommt immer wieder, und die kann ja etwas sehr Produktives sein.

Worüber waren Sie denn kürzlich wütend?

Vor allem über die Diskussionen um den Sozialstaat. Diese Debatte ist bezeichnend: Menschen, die das Sozialamt vielleicht um zehn Euro betrügen, nennt man Sozialbetrüger. Andere Menschen hingegen, die ihre Konten in die Schweiz legen, den Staat also um Millionen betrügen, nennt man Steuersünder – und Sünder sind wir bekanntlich ja alle. Da verrät die Sprache, wie verlogen das System ist.

Wie lautet denn einer Ihrer derzeitigen Lieblingswitze?

Im Sozialismus wurde die Wirtschaft erst verstaatlicht und dann ruiniert, im Kapitalismus ist es umgekehrt.

 

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