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Die Selbstverteidiger

erschienen in Klar, Ausgabe 14,

Wie sich Hartz-IV-Empfänger erfolgreich gegen die Willkür der Behörden wehren.

Diesen Rausch wird Michael Maurer (56) sein ganzes Leben lang nicht vergessen. Mit wackligen Beinen stand er zwischen all den Menschen, die 2004 auf dem Jüterboger Marktplatz gegen Hartz IV demonstrierten, und kämpfte mit sich. Sollte er wirklich zum Mikrofon gehen, konnte er wirklich vor so vielen Fremden seine Wut artikulieren?

Michael Maurer ging ans Mikro, sprach über Lügen der Politiker, über Hartz IV und seine Ängste. Vielleicht schrie er sogar, er weiß es nicht mehr. Er weiß nur noch, dass er fast zusammengebrochen wäre, dass die Menschen irgendwann klatschten und ihn umringten. „Dieser Tag hat mein Leben verändert“, sagt Michael Maurer heute. Es sei sein Tag der Befreiung gewesen. Jahrelang hatten ihn als Arbeitslosen Minderwertigkeitskomplexe zerfressen, damit war nun Schluss.

Zusammen mit anderen Arbeitslosen organisierte er in Jüterbog mehr als 150 weitere Montags-demos und gründete mit ihnen den „Verein für soziale Selbstverteidigung“. Sie besetzten ein SPD-Büro mit der Losung „Wir sind überflüssig, dieses Büro ist es auch“ und sie errichteten „Soziale Mauern“ aus Pappkartons vor Arbeitsämtern. Kaum eine Gelegenheit ließen sie aus, um auf das Unrecht aufmerksam zu machen, das ihnen widerfuhr: gesetzeswidrige Bescheide der Arbeitsämter, willkürliche Kürzungen und vieles mehr.

Bei der Planung dieser Aktionen entdeckten viele der 25 Vereinsmitglieder, dass ihnen amtliche Schreiben bislang immer Angst gemacht hatten, sie nicht wussten, wie sie für ihre Rechte kämpfen konnten. Und sie begannen, all diese Schreiben zu diskutieren, sich im Sozialrecht weiterzubilden, Widersprüche selbst zu verfassen. Mit großem Erfolg.

„Keiner muss allein aufs Amt“, so lautete die Losung des Vereins. Als sie das erste Mal mit zehn Leuten anrückten, um einander Beistand zu geben, verließ ein Sachbearbeiter in Panik den Raum.

Inzwischen rennen die Sachbearbeiter nicht mehr weg, verunsichert sind einige dennoch. „Es hat sich rumgesprochen, dass wir einander helfen und nicht alles mit uns machen lassen“, sagt Maurer. Auch deswegen, weil die Presse, die sie früher oft nur als verärgerte Arbeitslose dargestellt hatte, inzwischen objektiver berichtet. „Unser Ziel ist es, dieses tägliche Unrecht an die Öffentlichkeit zu bringen“, sagt Maurer. Und davor hätten die Ämter Angst. Nach jedem Artikel kommen etliche Leute mehr zur Vereinssitzung. Die meisten suchen und finden Hilfe.

„Aber wir sagen auch ganz klar: Macht mit bei uns, organisiert euch, nur zusammen sind wir stark“, erzählt Maurer. Würde der Verein nur beraten, dann fehlte die Kraft für all die Projekte in der Region: ob bei Demos gegen Nazis oder in Sachen Lokalpolitik. Sie vertreten die Rechte von sozial Benachteiligten so kompetent, dass sie mittlerweile sogar als Experten zu Ausschüssen eingeladen werden.

Michael Maurer muss nicht mehr lange nachdenken, wenn er an ein Mikrofon gebeten wird - selbst wenn dieses im Kreistag steht. Und wenn ihm, wie vor kurzem, der Landrat vorwirft, er mache „Propaganda“, widerspricht Maurer und überreicht ihm bei nächster Gelegenheit den Preis „Kahlschläger des Jahres“.

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