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Die Ruhe in Person

Von Jens Petermann, erschienen in Clara, Ausgabe 27,

An keinem Ort der Welt findet man so viele Menschen, die so schnell auf alles eine Antwort wissen, wie im Bundestag. Beim Thüringer Bundestagsabgeordneten Jens Petermann ist das anders.

Es gibt viele Politiker, die antworten, noch bevor die letzte Silbe des Fragenden verstummt ist. Egal bei welchem Thema, egal in welcher Situation. Auf alles wissen sie in Sekundenschnelle eine Antwort. Beim Thüringer Bundestagsabgeordneten Jens Petermann (49) ist das anders. Er lässt sich, seinen Gedanken und Antworten Zeit.

Stellt man Petermann eine Frage, dann lehnt er sich manchmal in seinem Stuhl zurück, seine Hände formen eine Art Dreieck vor dem Gesicht und es scheint so, als würden sich in den Bewegungen der Finger die Gedanken formen und nach Gewicht bewogen werden. Kommen sie zur Sprache, sitzen sie wie gegossen: kein Wort zu viel, keine großen Umschweife. Man könnte auch sagen, sie sind druckreif.

Wahrscheinlich hat dies auch etwas mit Petermanns Beruf zu tun. Bevor ihn die Wähler des Thüringer Wahlkreises Suhl, Schmalkalden-Meiningen und Hildburghausen im Jahr 2009 in den Bundestag wählten, arbeitete er 20 Jahre lang als Richter: viele Jahre als Arbeitsrichter, später als Sozialrichter.

Der Beruf des Richters, er hat sich in den Habitus von Petermann eingeschrieben: Sachlichkeit, argumentieren und prüfen. Diese von Richtern oft ausgestrahlte Fähigkeit des In-sich-Ruhens – Petermann besitzt sie. Man kann das beobachten in den Sitzungen des Bundestags, man hört Petermanns Kollegen davon berichten, wenn sie seine Arbeit in den Untersuchungsausschüssen Gorleben und Terrorgruppe nationalsozialistischer Untergrund beschreiben.

Aber Jens Petermann besitzt diese Ruhe auch abseits der Verhandlungstische, etwa dann, wenn es richtig hektisch wird. Überliefert ist eine Geschichte während der Castor-Proteste im Herbst 2011, bei denen er sich für Hunderte von Protestierenden einsetzte.

Petermann war damals wie viele andere Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE auch tagelang in den Wäldern des Wendlands als Parlamentarischer Beobachter unterwegs. Mit gelben Westen bekleidet, gingen sie zwischen die Front aus Polizei und Protestierenden, versuchten, Gewalt zu verhindern.

Petermann war dabei, als die Polizei bei bitterer Kälte mehr als 1000 Menschen in einem Kessel ohne Versorgung eingeschlossen hielt – stundenlang und ohne Rechtsgrundlage. Petermann bekam Wind davon, dass es einem der Eingekesselten gelungen war, dies per Handy über einen Anwalt von einem Richter feststellen zu lassen. Aber eben nur in eigener Sache. Petermann erkannte sofort die große Chance: Wenn es gelingen würde, an den Beschluss des Richters zu kommen, dann könnte das der Schlüssel zur Auflösung des Kessels sein.

Petermann und vielen Helfern – unter ihnen seine Kollegin aus der Fraktion, Dorothée Menzner – gelang das Unglaubliche: Durch alle Polizeisperren hindurch organisierten sie den Beschluss zum Kessel. Aller Anspannung zum Trotz suchte Petermann das Gespräch mit dem Einsatzleiter. Mit dem Beschluss in der Hand und einer Engelsgeduld erreichte er die Auflösung des Kessels.

Wenn Petermann über solche Ereignisse spricht, klingen sie alles andere als schwarz-weiß. Da gibt es nicht nur die Sicht der Demonstranten. Petermann hat »die andere Seite« ebenso im Blick – die Einsatzkräfte der Polizei. Auch ihre Erschöpfung, ihre Zweifel, ihre Kritik am Einsatz und ihre Überforderung sind Teil seiner Erzählung.

 

Als Erstes fällt auf, dass er nicht auffällt.

Petermann ist nicht nur der Mann für die großen Themen und die Untersuchungsausschüsse. Ebenso am Herzen liegt ihm Lokalpolitik. Seit 2009 ist er Stadtverordneter in seiner Heimat Arnstadt, einer Stadt mit 25000 Einwohnern. Wenn man ihn dort trifft, im Kreise seiner Kolleginnen und Kollegen der Stadtratsfraktion DIE LINKE, fällt als Erstes auf, dass er nicht auffällt.

An einem verschneiten Januarabend bereitet seine Fraktion die nächste Stadtratssitzung vor. Anträge und Taktik werden besprochen. Wenn man nicht wüsste, dass Petermann ein Bundestagsabgeordneter ist, man würde an diesem Abend kein Indiz dafür finden. Er trägt eine Skihose, einen roten Pulli und eine Sportjacke.

Thema an diesem Abend ist die private Arnstädter Fachhochschule. Die ist pleite, und in der Stadt sorgt man sich um das Schicksal der Studentinnen und Studenten. Zusammen diskutieren die Stadträte der LINKEN Lösungen für die Schule und Anträge für das Stadtparlament.

Mittendrin in der Diskussion sitzt Petermann. Er hat nicht die Pose des Leitwolfs, er trägt nicht das Pathos der großen politischen Rede mit sich herum, so wie das manch ein Politiker tun kann, selbst wenn er über den Wetterbericht spricht. Jens Petermann kann Raum lassen, er drängt sich nicht in den Vordergrund und ist trotzdem präsent – seiner Worte wegen.

An diesem Abend dabei ist auch Frank Kuschel. Er ist Fraktionsvorsitzender der LINKEN in Arnstadt und Landtagsabgeordneter in Thüringen – und eher ein Mann des energischen Wortes. Über Petermann sagt er: »Wenn er im Stadtrat redet, dann herrscht plötzlich eine ganz andere Atmosphäre«. Dann sei es ruhig, man höre zu, auch über alle Parteigrenzen hinweg. Petermann rede zwar nicht so oft, aber dafür mit einem unglaublichen Scharfsinn. Diese andere Atmosphäre im Raum, so sagen Petermanns Kollegen in Arnstadt, hänge auch mit seinem Beruf zusammen. Als ehemaliger Richter genieße er Autorität.

Vielleicht war es aber auch diese Arbeit, die Petermann in die Politik führte. Jene Jahre, in denen er als Sozialrichter auf Grundlage der Hartz-IV-Gesetze Gerichtsprozesse leitete und dabei das Gefühl hatte, eigentlich soziales Unrecht zu vollziehen. Weil er ein Gesetz anwenden musste, das für die Betroffenen und für ihn eine Farce war: menschenunwürdig und verfassungswidrig zudem. Als Richter musste er sich innerhalb dieser Vorgaben bewegen. Anders als Politiker, da gab es mehr Raum, die Ungerechtigkeit von Hartz IV zu thematisieren, Gesetze zu verändern. Petermann entschied sich für diesen Weg.

Am Morgen nach der Fraktionssitzung ist Petermann mit seinem Auto auf den Thüringer Autobahnen nach Meiningen unterwegs. Dort hat er sein Wahlkreisbüro und an diesem Tag ein Treffen mit dem Meininger Sportstättenförderverein. Jetzt im Winter, da hat er oft die Ski dabei. Man merkt, wie gern er auf die Piste will. Petermann ist Sportler durch und durch. Rad fahren, schwimmen und laufen – wann immer er Zeit findet, bewegt er sich.

Aber an diesem Tag – wie so oft – wird er es wieder nicht schaffen. Der Termin ist ihm wichtiger, dort geht es um Sport für die breite Masse. Eine Sache, die ihm besonders am Herzen liegt. Seit Jahren setzt sich Petermann im Bundestag für einen Wechsel in der deutschen Sportpolitik ein. Der Bund, so seine Kritik, fördere nur den Leistungssport. Petermann hingegen will die Regierung endlich auch für den Breitensport in die Pflicht nehmen.

Vor ein paar Jahren hat Jens Petermann den bekannten Maler Andreas Schiller gebeten, ein Porträt anzufertigen. Dieses Bild, das aus Einzelbildern besteht, hängt nun in Petermanns Wohnzimmer. Ihn selbst sucht man darauf vergeblich. Der Maler hat es vorgezogen, Petermanns Weltsicht und Lebensstationen darzustellen, anstatt die Person in den Vordergrund zu rücken.

Vielleicht auch wegen Eigenschaften wie dieser haben ihn die Delegierten seines Wahlkreises kürzlich wieder zum Kandidaten für die Bundestagswahl im Herbst gewählt – mit 100 Prozent der Stimmen.

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