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Die prekarisierte Frau

erschienen in Lotta, Ausgabe 2,

»Jeder mies bezahlte Job bedeutet: keine eigenständige Existenzsicherung« sagt die Soziologin Christa Wichterich. Es kann jede treffen.

Auf den ersten Blick erzählt die Statistik die Geschichte einer wundersamen Jobvermehrung. Seit Jahren steigt die Erwerbsbeteiligung von Frauen, auf inzwischen mehr als 66 Prozent. Der zweite Blick zeigt jedoch, dass das Arbeitsvolumen, die Erwerbsstunden nicht angestiegen sind. Des Rätsels Lösung ist: Mehr Frauen teilen sich die gleiche Zahl von Erwerbsstunden, weil mehr Frauen Teilzeit arbeiten oder nur »geringfügig beschäftigt« sind. Kurze Teilzeit – weniger als 15 Wochenstunden –, Minijobs, Scheinselbständigkeit und auch Leiharbeit für Frauen haben zugenommen, im Westen mehr als im Osten. Deutschlandweit stellen Frauen 83 Prozent aller Teilzeitarbeitenden, 64 Prozent aller Minijobber und 31 Prozent der Leiharbeitenden: ein Pool flexibler Arbeitskräfte, der hilft, die Wettbewerbsfähigkeit hoch und die Kosten niedrig zu halten. Wer regulär Teilzeit arbeitet, kassiert im Durchschnitt ein Viertel weniger Lohn als Vollzeitbeschäftigte. Minijobs und kurze Teilzeit konzentrieren sich in Branchen mit niedrigem Lohnniveau: in Dienstleistungen und im Einzelhandel, in der Gastronomie und im Reinigungsgewerbe – sogenannten »frauentypischen« Berufen. Typische Frauenjobs werden schlechter bezahlt als typische Männerjobs – ein klarer Fall von Lohndiskriminierung.

Dem kapitalistischen Markt ist nur lieb und teuer, was die Profite erhöht. Doch personennahe Dienstleistungen wie Erziehen, Windeln und Füttern sind nicht nach Belieben zu beschleunigen. Durch immensen Lohn- und Zeitdruck, wie z. B. durch Pflegemodule, werden solche Sorgearbeiten effizienter und damit profitabler gemacht. Jeder mies bezahlte Job bedeutet: keine eigenständige Existenzsicherung. Das Prekaritätsrisiko ist groß – jetzt und im Alter. Nichts ist sicher, weder das Einkommen noch soziale Leistungen. Denn, um Kosten zu sparen, findet die Prekarisierung von Beschäftigung gleichzeitig mit dem Sozialabbau statt.

Die prekarisierte Frau jongliert zwischen Erwerbsarbeit, vielleicht zwei Minijobs und unbezahlter Sorgearbeit in Haushalt und Familie, ist bedroht von Erwerbslosigkeit, sozialem Abstieg und Armut, leidet unter Zeitnot und chronischer Überbelastung. Gerade für Alleinerziehende, Familienernährerinnen und Rentnerinnen ist prekäres Leben und Arbeiten Stress pur: ein Selbstmanagement am Existenzminimum zwischen Abhängigkeiten vom Markt, dem Partner und der Familie sowie der schrumpfenden öffentlichen Daseinsvorsorge. Linke Politik muss deshalb nicht nur entprekarisieren. Mindestlöhne und Sozialversicherungspflicht sind politische Mindeststandards. »Wir streiken nicht nur für zwei Euro mehr, wir streiken für mehr Anerkennung!« erklärten Kita-Beschäftigte 2009. Es geht um einen Perspektivwechsel in Bezug auf Arbeit, um eine Neubewertung. Die Wertschöpfung in Form von Versorgung, Wohlergehen und Gemeinwohl muss endlich zählen, nicht nur Umsatz, Gewinn und Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Linke Politik muss über das materielle Umverteilen weit hinausgehen. Sie muss Arbeit zwischen den Geschlechtern und sozialen Klassen neu verteilen und neue Bewertungsmaßstäbe setzen.

Christa Wichterich ist Publizistin und Soziologin

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