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Die Linken passen zu mir

erschienen in Clara, Ausgabe 3,

In jeder erfolgreichen Fraktion arbeiten starke KollegInnen mit großem Engagement und hoher Professionalität. ›Clara‹ stellt vor: Dr. Daniel Rühmkorf

Das Fachgebiet Lebensfreude ist in der Medizinerausbildung noch nicht vorgesehen. Doch die Linksfraktion hat bereits einen - zugegeben einen selbsternannten Facharzt dieser Spezies: Dr. Daniel Rühmkorf. Der Doktortitel ist echt und die Lebensfreude erst recht. Sie ist sogar ansteckend.

An der Bürotür baumelt fröhlich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt - als Hampelfrau. Ob und wie oft Daniel Rühmkorf und sein Kollege Siegfried Dierke an der Holzfigur gezogen haben, ist nicht bekannt. Humor ist, wenn man trotzdem lacht - denn die vergangenen Monate waren geprägt vom parlamentarischen Schlagabtausch zur Gesundheitsreform.

Das Büro der Gesundheitsreferenten hat den Charme einer alten Landarztpraxis. Dr. Rühmkorf senior war tatsächlich Landarzt in einem Dorf bei Peine in Niedersachsen. Die zwei alten Patientenliegen, auf denen heute stapelweise Papiere lagern, hat Daniel Rühmkorf von seinem Vater abgestaubt. Den alten Medikamentenschrank und Schreibtische ersteigerte er bei einer Online-Auktion.

So wie er an seinem Schreibtisch sitzt, mit weißblond gefärbtem Strubbelkopf, einer quietschgelben Brille und Pullovern in bunten, gesättigten Farben, ist er die blanke Provokation - für alle Morgenmuffel und für notorische Alltagspessimisten.

»Ich bin unglaublich froh, dass ich hier in diesem ›Laden‹ arbeite.«

Für den »Ernstfall«, wie zum Beispiel Sitzungen des Gesundheitsausschusses, gibt es im Büro auch gute »Zwirne« von der Stange. Die passenden Schuhe stehen darunter. Rote Sneakers zum gedeckten Zweireiher - das geht selbst für Daniel Rühmkorf nicht.

Man nimmt es dem 40-jährigen Mediziner ab. In seiner überschäumenden Lebensfreude scheint er die »Leichtigkeit des Seins« zu leben. Auf jeden Fall sitzt hier ein Mann, der es anderen Menschen leichter machen will.

»Für mich als Arzt kann es nur darum gehen, alle Menschen gleich zu behandeln. Alle müssen die gleichen Chancen für Gesundheit haben.«

Dass dieser Grundsatz in vielen Bereichen unseres Gesundheitswesens nicht erfüllt ist, weiß Daniel Rühmkorf nicht erst, seit er bei den Linken für die solidarische Bürgerversicherung kämpft. Bereits während seiner Studienzeit leitete er im Bundesverband der MedizinstudentInnen die AG Gesundheitspolitik. Nach einem anerkannten Praktikum an der Berliner Charité im Sommer 1990 brach er seine Zelte in Marburg ab und wechselte in die sich vereinende Hauptstadt. Hier beendete er 1996 sein Studium. Es folgte die Promotion zum Thema »Organisationsformen der hausärztlichen Versorgung« und eine Weiterbildung im Gesundheitsmanagement. Praktische Erfahrungen sammelte er außerdem in der Geriatrie, der Unfallchirurgie und als Skiarzt in Österreich.

Daniel Rühmkorf erkannte sehr schnell, dass er als Arzt im System an den herrschenden Bedingungen im Gesundheitssystem nichts ändern kann. Er wollte etwas »auf die Beine stellen«, sich für eine Gegenöffentlichkeit engagieren. Dazu brauchte er Freiraum und Mitstreiter. Diese fand er im Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte sowie in der Berliner »Fraktion Gesundheit« und in diversen anderen gesundheitspolitischen Gruppen. Seine Möglichkeit, aus seinem gesundheitspolitischen Anspruch einen Beruf zu machen, sah er dann vor fünf Jahren, als er sich entschloss, freier Medizinjournalist zu werden.

Monika Knoche, die er noch aus gemeinsamen Zeiten bei den Grünen kannte, gewann ihn vor der Bundestagswahl 2005 für die Mitarbeit bei den Linken. Die »Baden-Württembergisierung« der Grünen - das ist seine eigene Wortschöpfung, hatte Daniel Rühmkorf sehr zugesetzt. Nach zehn Jahren Mitgliedschaft bei den Grünen trat er aus. Er hat sich zwar eine Parteienkarenz auferlegt, doch der Schritt zu den Linken in den Bundestag war für ihn nur folgerichtig.

Vorher nie in die Tiefen des Parlamentarismus eingetaucht, musste er nun enorm viel dazulernen. Der besondere Kick an seiner Arbeit sei die große Nähe, politische Entscheidungen miterleben zu können. Daniel Rühmkorf saß mit Frank Spieth, dem gesundheitspolitischen Sprecher, und anderen Abgeordneten der Linksfraktion im Gesundheitsausschuss und in verschiedenen Expertenanhörungen. Gemeinsam erlebten sie über ein Jahr lang das Gefeilsche der Großkoalitionäre um eigene Pfründe. Die Kopfpauschale der CDU gegen die Bürgerversicherung der SPD. »Am Ende ist die Gesundheitsreform eine Milchmädchenrechnung auf 600 Seiten, bei der sich keiner mehr die Frage stellt, was eigentlich das Ziel der Reform war.« Eigentlich sollte sie eine solide und zukunftssichere Finanzierungsgrundlage der gesetzlichen Krankenver-sicherung schaffen.

Nach zehn Jahren Mitgliedschaft bei den Grünen trat er aus

Daniel Rühmkorf sagt über sich selbst, er sei ungeduldig. Es nerve ihn, wenn er sehe, wie viele Details der Gesundheitsreform von den Medien überhaupt noch nicht veröffentlicht wurden. Zum Beweis dafür nennt er die Insolvenzfähigkeit der gesetzlichen Krankenkassen. Die Regierung beabsichtigte im Zuge der weiteren Kommerzialisierung und Privatisierung des Gesundheitswesens, dass die Krankenkassen sich entschulden und notfalls in Konkurs gehen sollten. Da sei Frank Spieth auf die Barrikaden gegangen, erzählt Daniel Rühmkorf. Der gesundheitspolitische Sprecher der Linken konnte nachweisen, dass es, sollte sich die Koalition dazu entschließen, zu Insolvenzkaskaden mit Dominoeffekt käme. Versicherte einer Kasse, die in dem Ruf stünde, in Konkurs zu gehen, würden dann nur noch gegen Vorkasse der Patienten behandelt. Dass der Sachverhalt Insolvenzfähigkeit der Kassen aus dem Reformpaket entfernt wurde und später verhandelt werden soll, sei das Verdienst von Frank Spieth. Ein kleiner Sieg für die linke Opposition für einen extrem hohen Aufwand - lohnt das?

Wenn Daniel Rühmkorf danach gefragt wird, kommt die Antwort prompt: »Opposition ist gut.« Schnell und bestimmt fügt er noch hinzu: »Unsere Fraktion hat hochkompetente Politiker, die leider nach außen noch viel zu wenig wahrgenommen werden. DIE LINKE. muss mehr Gegenöffentlichkeit schaffen.«

Nach solchen Worten hat man bei ihm immer wieder für einen Moment das Gefühl, dass der Gegensatz von leicht und schwer aufgehoben ist.

»Wir brauchen jede Menge Leute, die mit Herzblut unser Projekt unterstützen. Wir müssen uns bei den Menschen auf der Straße mit Aktionen einprägen. Wir brauchen mehr Bewegung.« Wenn einer wie Rühmkorf solche Erkenntnisse von sich gibt, klingen sie nicht wie ein griffiges Statement. Er ist viel »draußen« - das meint seine Verwurzelung und Kontakte im Alltag, außerhalb des Parlaments. Der linke Gesundheitsreferent ist Gemeindekirchenrat und Chormitglied der Ölberg-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg. Viermal im Jahr gehört auch das Glockenläuten dazu. Wenn schon, denn schon. Traditionen sind ihm wichtig. Die kann er als Christ nicht individuell pflegen, die muss er in der Gemeinschaft erleben. Er braucht sie als »geistige Nahrung« ebenso wie den Sport. Und weil es Daniel Rühmkorf ist, der hier beschrieben wird, muss es natürlich Marathon sein. Schon für Nichtraucher ist diese Streckenlänge unvorstellbar lang. Doch der Raucher Rühmkorf kommt tatsächlich nach 42 km beim Berlin-Marathon an. In welcher Zeit und Kategorie wird an dieser Stelle nicht verraten. enschen wie er geben nicht so schnell auf. Ohne Zweifel, Dr. Daniel Rühmkorf passt zur Linken.

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