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»Die FIFA hat’s verdorben«

erschienen in Klar, Ausgabe 33,

Weshalb „Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie“ zugleich bedeutet, erläutern Gerhard Dilger, Thomas Fatheuer, Christan Russau und Stefan Thimmel in ihrem Report über Land, Leute und Leder.

Fußball-Nachwuchs in einer Favela in Brasilien, Foto: Axel Warnstedt

 

 

Was bleibt für die Menschen in Brasilien von der WM?

Thomas Fatheuer: Bei einer Fußball-WM sollte eigentlich die Freude am Fußball im Mittelpunkt stehen. Doch das große Fußballfest wird immer mehr zu einer kommerziellen FIFA-Veranstaltung. Immense Ausgaben für Stadien, Marginalisierung des Straßenhandels, Vertreibung von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie umstrittene Auflagen der FIFA, das alles hat die Stimmung im Vorfeld der WM sehr verdorben. Auch die Regierung hatte daran ihren Anteil.

„Für das Spiel. Für die Welt“ lautet das Motto der FIFA. Stimmt das nach Ihren Erfahrungen mit den Turnieren in Deutschland, Südafrika und Brasilien?

Es stimmt zum Teil. Die jetzige Führungselite der FIFA hatte unter dem Brasilianer João Havelange seit dem Jahr 1974 systematisch die Beteiligung der Länder Asiens und Afrikas gestärkt und damit das Turnier, das vorher eher eine Veranstaltung von Lateinamerika und Europa war, zu einem Weltereignis transformiert, damit aber auch die eigene Machtbasis konsolidiert. Aber es stimmt nicht, was Beteiligung des Publikums und die Inklusion lokaler Strukturen angeht. Statt beispielsweise die Sichtbarkeit von lokalen Produkten aus bäuerlicher Landwirtschaft zu verstärken, dient die WM nur noch als Plattform der Sponsoren. Und wenn man jetzt bei der WM ins Publikum schaut, sieht man fast nur noch weiße Mittel- und Oberschicht im Stadion.

Was muss sich ändern, damit der Sport wieder im Mittelpunkt steht?

Die entscheidende Änderung wäre, dass wieder die Menschen in den Mittelpunkt rücken. Stadien können wieder einfacher und billiger werden, Stehplätze inklusive. Der Einfluss der Sponsoren muss im Stadion enden, und die Förderung des Breitensports sollte konzeptionell und intensiv, nicht nur als bequemes Alibi, mit der Austragung der WM verbunden werden. Die WM sollte nicht mehr wie ein UFO in ein Land einfallen.

 

Thomas Fatheuer, Christan Russau und Stefan Thimmel: „Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie“ (VSA Verlag, 16,80 Euro; freier Download: www.rosalux.de/publication/40370).

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