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"Der Kampf hat mir geholfen"

erschienen in Clara, Ausgabe 35,

Seit zehn Jahren leiden erwerbslose Menschen unter Hartz IV – einem System, das sie drangsaliert und demütigt. Gegenwehr tut not.

Einen neuen Job finden – kein Problem. Da war sich Doris Hammer sicher, als ihre eigene Firma für Sonnenschutzanlagen im Jahr 2005 pleiteging. Jahrelang hatte die heute 61-jährige Berlinerin ein Unternehmen mit bis zu 30 Angestellten geführt. Da sollte doch was möglich sein, dachte sie. Doch anstatt bei einem neuen Unternehmen landete Doris Hammer in Hartz IV, einem System, das seit mehr als zehn Jahren die Bundesrepublik Deutschland und sie verändert hat.   Was Hartz IV ist, davon hatte Doris Hammer bei dessen Einführung im Jahr 2005 kaum eine Idee. Zwar hatte auch sie von den hunderttausenden Demonstranten gehört und gelesen, die gegen das Gesetz der Schröder-Regierung (SPD und Grüne) auf die Straße gingen, doch was sich genau dahinter verbarg, wusste sie nicht: Zu sehr war sie mit der Insolvenz ihrer Firma beschäftigt. Stutzig wurde sie das erste Mal, als Bekannte von ihr statt Arbeitslosenhilfe plötzlich Hartz IV bekamen und sagten: "Wie soll ich davon nur leben?"    Nach einer langen Zeit der Insolvenz musste Doris Hammer dann selbst zum Amt und Hartz IV beantragen. Auf ihrem Weg begleitete sie das Selbstbewusstsein von mehr als 36 Jahren Arbeit, die Erfahrung als Geschäftsführerin und die Zuversicht, schnell einen neuen Job zu finden. Nur wenige Termine brauchten die Mitarbeiter des Jobcenters, um dieses Selbstwertgefühl zu zerstören. "Man hat mich behandelt, als wäre ich ein unmündiges Kind", sagt Doris Hammer. Gerade der erste Termin sei ein Schock gewesen, Ansprache, Umgang, all das habe sie regelrecht fertig- und kleingemacht.    Zudem die Demütigungen von Teilen der Politik und Medien, die nicht müde wurden und werden, ein stereotypes Bild von Hartz-IV-Beziehenden zu zeichnen: ein Millionenheer von arbeitsunwilligen und bequemen Gestalten, denen das Geld nur so um die Ohren fliegt. So sah es einst Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP), der behauptete, Hartz IV sei eine Einladung des Staates zu spätrömischer Dekadenz – ganz so, als glichen die Abendessen einer Hartz-IV-Familie dem Gelage eines römischen Feldherrn.   Die mediale Erzählung folgt oft nur zwei verschiedenen Mustern. Entweder der einzelne "Hartz-IV-Sozialschmarotzer", der stellvertretend für alle anderen steht, oder die Beschreibung einer anonymen elenden Masse – zur Perfektion getrieben voriges Jahr von einer Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.    Ihre Beobachtungen von Menschen, die vor dem Jobcenter Neukölln warten, stellen sich so dar: "Alkoholbäuche, der Geruch von Rasierwasser, rausgewachsene Haarfarben, billiger Goldschmuck." Ein "Chaos", so schreibt die Journalistin, "das eigentlich einer geregelten Tätigkeit nachgehen und eben nicht zum Jobcenter gehen sollte".    Doris Hammer ist ein Teil dieses angeblichen Chaos. Das Jobcenter Neukölln ist ihr Ansprechpartner. Einen richtigen Job, sagt Doris Hammer, hätten ihr dessen Jobcentermitarbeiter in mehr als neun Jahren kein einziges Mal angeboten. Stattdessen steckten sie die ehemalige Geschäftsführerin Doris Hammer in eine stupide Maßnahme nach der anderen – völlig unabhängig davon, was sie sich wünschte – oder in Ein-Euro-Jobs, unter anderem als Datenerfasserin in teils schimmeligen Klitschen, in denen sie mit anderen Menschen unter teils katastrophalen Bedingungen zusammengepfercht wurde.   "Geh nie allein zum Jobcenter"   Die ersten zwei, drei Jahre, sagt Doris Hammer, hätten ihr arg zugesetzt. Ihr Asthma sei immer schlimmer geworden, das Gefühl der Entmündigung und Entwertung durch Jobcenterbeschäftigte habe die Seele angefressen. Im Jahr 2009 hatte Doris Hammer davon die Nase voll. Sie fing an, sich sachkundig zu machen, trat in Hartz-IV-Initiativen und -Arbeitsgruppen ein und wehrte sich. "Geh nie allein zum Jobcenter", so lautet eine ihrer Maximen.    Seit einigen Jahren nun schon begleitet sie andere Hartz-IV-Beziehende bei Terminen. "Da läuft es dann anders", sagt Doris Hammer. Auch unterstützt sie andere bei Widersprüchen gegen Sanktionen oder Entscheidungen der Ämter, wenn diese Leistungen unberechtigterweise verweigern. Kein Einzelfall, wie Zahlen jedes Jahr aufs Neue belegen. Allein im Jahr 2013 waren bundesweit 36 Prozent der Widersprüche und 42 Prozent der Klagen gegen Hartz-IV-Bescheide erfolgreich.   Heute steht Doris Hammer oft vor dem Jobcenter Neukölln und bietet Unterstützung und Informationen an. Wieder und wieder erlebt sie den Wahnsinn von Hartz IV: weinende Mütter, die kein Geld für neue Kindersachen haben, die nicht wissen, wie sie ihren Kindern erklären sollen, dass es Urlaubsfahrten für sie nicht gibt, Männer, die beim Gang zum Amt zittern, oder aber Alleinerziehende, die das Jobcenter in die Obdachlosigkeit trieb.    Seitdem sich Doris Hammer engagiert, geht es ihr besser. "Der Kampf hat mir geholfen", sagt sie, und für besonders zynische Journalisten oder Politiker hat sie eine Empfehlung parat: Mal mindestens ein Jahr als Hartz-IV-Beziehender zu leben – dann würden sie mit Sicherheit anders denken. 

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