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Der Herr der Briefe

erschienen in Clara, Ausgabe 18,

Der Bote ist so etwas wie ein „Mädchen für alles“. Seit fünf Jahren erledigt Andreas Jäger in Berlin Botendienste für die Bundestagsfraktion DIE LINKE.

Früher waren Boten äußerlich erkennbar. In der griechischen Mythologie zum Beispiel. Sie kennt den Götterboten Hermes. Er war ausgestattet mit Flügelschuhen und Heroldsstab. Der Postbote trägt bis heute eine Uniform, und es gab Zeiten, da machte er sich sogar mit einem Hornsignal akustisch bemerkbar.

Dem Boten Andreas Jäger ist das Laute, das Auffällige allerdings fremd. Ihn erkennt man nur an seiner Sackkarre und den übereinander gestapelten gelben Kästen. Drei an der Zahl, penibel gepackt und in der geplanten Tourfolge aufeinandergesetzt. Als Bote bestückt und leert er nicht nur die Postkästen der Abgeordneten in den neu erbauten Bundestagshäusern an der Spree. Er transportiert auch Briefe, Akten, Unterlagen, Anfragen, Pakete zwischen dem Bürogebäude Unter den Linden, dem Berliner Abgeordnetenhaus und dem Karl-Liebknecht-Haus, dem Sitz der Partei DIE LINKE, in Berlin-Mitte. Im Amtsdeutsch heißt das: „Gewährleistung des Postaustausches der Fraktion innerhalb und außerhalb des Bundestages und weiterer Kooperationspartner“. Ein Bandwurmwort für eine schöne und eigenständige Arbeit.

 

Kein Job wie jeder andere

Der Tag beginnt für Andreas Jäger am frühen Morgen. Mit dem Pressespiegel. Die 80, manchmal 100 Seiten müssen, sobald sie zusammengestellt sind, gedruckt, gebündelt und verteilt werden. Das Drucken passiert im Büroraum nebenan. Monique Ludwigs, eine von drei Kolleginnen, mit denen sich Andreas Jäger die Räume und die Arbeit teilt, dazu Layouterin und verantwortlich für die lange Fließlinie der computergesteuerten Drucker, hat bereits auf die grüne Starttaste gedrückt. „Vieles am Botendienst ist Routine, und doch ist kein Tag wie der andere“, sagt Andreas Jäger.

Sein Dienst beginnt zwar in der Regel im Büro, aber danach ist er immer unterwegs. Auf den Gängen und Fluren der Abgeordnetenhäuser oder mit dem Auto in der Stadt. Nicht selten holt er Gäste der Fraktion ab. „Da sitzen von der Krankenschwester über den Wissenschaftler und Künstler Menschen aller Couleur neben mir“, erzählt er, „manchmal mit komplett anderem politischen Denken.“ Mit ihnen zu reden, ihnen zuzuhören, das ist für ihn spannend und immer wieder neu.

Hätte er diesen Botenjob auch in einer anderen Fraktion machen können? Er schüttelt den Kopf. Das wäre nicht gegangen. Schon wegen der eigenen Familiengeschichte nicht. Der Großvater war in Buchenwald. Er hat diesen schrecklichen Ort überlebt. Das Kind Andreas hat den Opa geliebt. Seinen Geschichten gelauscht. Später selbst viel gelesen. Von Menschenschicksalen in den Konzentrationslagern, aber auch in Stalins Lagern. Fassungslos hat ihn beides gemacht. Und beides darf einfach nie wieder sein, darum ist ihm das Projekt DIE LINKE auch so wichtig. Selbst wenn es pathetisch klingt: „Aber so etwas, eine gemeinsame Linke, das gab es in der Geschichte Deutschlands bisher noch nicht!“

 

Ein Bote mit Lebensbrüchen

Gelernt hat der heute 54-Jährige einmal Facharbeiter für Datenverarbeitung. In diesem Job hat er auch etliche Jahre bei Robotron Berlin gearbeitet. Das Unternehmen brauchte man allerdings nach 1990 nicht mehr. Die Beschäftigten auch nicht. Andreas Jäger schulte um, wurde Steuerfachgehilfe. Eine Baufirma, die einen Sachbearbeiter mit Buchhalterkenntnissen suchte, war seine nächste Station. Nicht für lange, denn die Firma ging pleite. Kurze Jobs wechselten mit Arbeitslosigkeit.

Im Februar 1999 dann der große Sprung an den Rhein. Die damalige PDS-Fraktion in Bonn suchte einen Boten und Kraftfahrer. Andreas Jäger wurde beides und hatte schon bald darauf mit dem Parlamentsumzug nach Berlin alle Hände voll zu tun. Im Jahr 2002 dann das Aus: Die PDS schaffte bei der Bundestagswahl nicht die Fünf-Prozent-Hürde, die Fraktion verlor ihren Status. Für die PDS saßen nur noch Gesine Lötzsch und Petra Pau im Bundestag.

Der Bote Andreas Jäger meldete sich arbeitssuchend, war arbeitslos, irgendwann Hartz IV. „Damit kannst du überleben, keine Frage“, sagt er still und leise, „aber du kannst nicht wirklich damit leben. Du bist draußen. Kein Kino, keine Ausstellung, kein Theater. Am Ende kein gutes Selbstwertgefühl.“

 

Der Bote und die Kunst

Dieses Gefühl hat Andreas Jäger nicht vergessen. Auch wenn er seit fünf Jahren wieder in Lohn und Brot ist. Er hat sich im Jahr 2005, jetzt bei der größer gewordenen Bundestagsfraktion DIE LINKE, erneut beworben. Der Bote von einst ist nun erneut Bote. Und das mit Lust und Leidenschaft.

Andreas Jäger braucht mittlerweile nicht einmal mehr den Namen auf dem Kuvert zu lesen, ihm reicht die Zimmernummer und er weiß, welcher Abgeordnete gemeint ist. Auch findet er sich mühelos in den, jedenfalls für Fremde, verwirrend vielen Gängen und Treppen zwischen Jakob-Kaiser-, Paul-Löbe- und Maria-Elisabeth-Lüders-Haus und dem Reichstag zurecht. Er kennt sämtliche Übergänge. Kein Verlaufen zu keiner Zeit. Und überall, wo er anklopft und Türen sich öffnen, gibt es freundliche Worte.

Wie viele Kilometer läuft er eigentlich so pro Tag durch die Abgeordnetenhäuser? Andreas Jäger zuckt mit den Schultern. Er hat die Schritte, die Stufen nie gezählt. Aber das Laufen hält fit, schmunzelt er. Und an diesem Tag macht er für seine Begleitung noch ein paar Schritte mehr.

Sein Botengang führt an einigen Kunstwerken im Bundestag vorbei. Er, der Bote, kennt sie alle. Vor allem die Geschichten dazu. Die „vier Achter“ hoch oben in den Lüften, schwebende Boote in den Farben der Deutschland- und Europafahne. Eine farbenfrohe Mahnung an die Politik, Sieg und Niederlage mit sportlicher Fairness zu nehmen. Oder das Archiv der deutschen Abgeordneten. Eine lange Wand aus unzähligen kleinen Kästen, Schuhkartons ähnlich. Jeder Kasten trägt den Namen eines deutschen Parlamentariers.

Oder das übergroße Foto von Katharina Sieverding. Eine Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Reichstagsabgeordneten der Weimarer Zeit. Dazu drei große Gedenkbücher auf Holztischen, sie erzählen die Schicksale. Im historischen Teil des Reichstages die russischen Inschriften, eingeritzt in die Mauern. Hätte er die Zeit, Andreas Jäger könnte alle „Kunstgeschichten“ erläutern. Doch die alltägliche Tour wartet, dazu etliche zusätzliche Aufträge seiner Chefin vom Fraktionsservice DIE LINKE.

 

Ein Mann für viele Fälle

Vom späten Vormittag bis zum frühen Nachmittag fährt Andreas Jäger seine Botenstationen ab. Er liefert Post und Pakete, nimmt welche entgegen, sortiert sie gleich. Er schleppt einen bestellten Monitor ins Büro, kommt mit Kisten, vollgepackt mit Informationsmaterial, zurück zum Auto. Die Pflege der Fraktionsfahrzeuge gehört auch zu seinem Job. Volltanken, reinigen, die technische Wartung garantieren. „Das ist aber eigentlich schon viel mehr Hobby als wirklich Arbeit“, meint er.

Zurück im Büro, am Nachmittag, setzt sich der Bote an den Computer. Jetzt ist er der Buchhalter. Jongliert in selbst angelegten Excel-Tabellen mit Zahlen und Rechnungen. Sortiert Tankquittungen, Belege für Briefmarken, Büromaterial und so weiter und so fort. Er ist ein Mann für viele Fälle. Was aber, wenn er einmal nicht da ist? Urlaub hat oder krank ist? „Dann machen wir das schon“, sagt Monique Ludwigs. Doch schöner ist es, der zuverlässige Bote kommt zuverlässig.

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