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Der brutale Job der Schlecker-Verkäuferinnen

erschienen in Klar, Ausgabe 7,

Hamm. Monika Laubach hat’s geschafft: Seit 1997 ist die 51-Jährige Betriebsrätin bei Schlecker. Schlecker gilt als einer der härtesten Arbeitgeber in Deutschland - und als Feind der Gewerkschaften. Dank Menschen wie Monika Laubach gibt es in der Drogerie-Kette mittlerweile 116 Betriebsräte.

Schlecker spart vor allem bei den Personalkosten. Zwar zahlt Schlecker Stundenlöhne von 7,50 bis 12,30 Euro. Im Gegenzug kürzt er aber bei den Stundenzahlen. In den 31 Schlecker-Filialen im Bezirk Hamm arbeiten 140 Frauen, kein einziger Mann. Mehr als 100 von ihnen sind Teilzeitkräfte, 63 verdienen laut Arbeitsvertrag weniger als 1000 Euro brutto im Monat. »Wer neu eingestellt wird, bekommt oft nur 10-Stunden-Verträge, häufig befristet«, erklärt Laubach. Einigen Frauen kommt dies entgegen. »Aber die Mehrheit würde gerne länger arbeiten«, schätzt die gelernte Drogistin.

Schlecker ist traurige Normalität. Prekäre Beschäftigung (unsichere und schlecht bezahlte Jobs) nimmt in Deutschland zu: Mitte 2006 waren 6,75 Millionen Menschen geringfügig beschäftigt, 4,5 Millionen Menschen gingen sozialversicherungspflichtiger Teilzeittätigkeit nach. Von den Vollzeitbeschäftigten hatten 4,6 Millionen Frauen und Männer befristete Arbeitsverträge, rund 600_000 Menschen arbeiteten als Leiharbeitnehmer. Hinzu kommen unzählige Beschäftigte mit Niedrig- oder Armutslöhnen, Scheinselbstständige und Praktikanten.

Bei Schlecker erzeugt Konkurrenz Druck, vor allem auf die Beschäftigten. Ständig werden die Umsätze der Filialen verglichen. Sinkt der Umsatz eines Ladens, werden Arbeitsstunden gestrichen. Die Folge: Nur in Ausnahmesituationen ist eine Filiale mit zwei Verkäuferinnen besetzt. Gewöhnlich berät eine Verkäuferin alleine Kunden, füllt Regale auf, kassiert, erstellt Abrechnungen und putzt mit Feudel und Schwamm. Will sie auf Toilette, muss sie den Laden abschließen. Das ist zwar nicht verboten, wird aber nicht gerne gesehen, und viele Frauen verkneifen sich deshalb ihr Bedürfnis.

Regelmäßig kontrollieren Testkäufer die Filialen. »Solche Verhältnisse führen zu grauen Überstunden«, erklärt Laubach, im Klartext: zu Mehrarbeit ohne Bezahlung.

Verkäuferinnen bei Schlecker leben gefährlich. Täglich wird eine deutsche Schlecker Filiale ausgeraubt, im Bezirk Hamm gab es in letzter Zeit zwei bewaffnete Überfälle. Betriebsrätin Laubach hat deshalb in Zusammenarbeit mit der Kripo Hamm ein Präventionstraining für Verkäuferinnen vorgeschlagen. Die Geschäftsführung aber weigert sich, die Kosten zu übernehmen und die Kolleginnen freizustellen. »So wenig sind wir denen wert«, bilanziert sie.

Von Heinz Hillebrand

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