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Den Traumjob vor Augen

erschienen in Clara, Ausgabe 20,

Was viele nicht wissen – die Bundestagsfraktion DIE LINKE bildet aus. Zwei Azubis erzählen von ihrer Ausbildung und warum dies in Zukunft ihr Traumjob sein könnte.

 

Martin Spiegel – Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration mit Zusatzqualifikation, 2. Lehrjahr

Vielleicht ist der Bruder Schuld daran, dass Martin Spiegel in der Informationstechnologie-Branche landen sollte. Der ist sieben Jahre älter und arbeitet schon längst dort. Martin Spiegel ist so einer, nach dem viele händeringend suchen. Vertraut mit dem Computer seit dem elften Lebensjahr. Kein ausschließlicher Computerfreak – eher ein allseits interessierter Mensch. Aber einer, der schon als Schüler ein wenig Geld mit seinem IT-Wissen verdient hat. Einer, der sich schon früh seinen Computer selbst zusammenbauen konnte und außerdem noch von einem einnehmend freundlichen Wesen ist. So einen wollen viele.

Martin Spiegel schrieb drei Bewerbungen, bekam zwei Angebote und entschied sich für die Fraktion DIE LINKE im Bundestag. Es gefällt ihm, dass es so gekommen ist. Manchmal hört er in der Berufsschulklasse ein paar Sprüche, dass er bei den Linken ist. Dann erzählt er, wie gut es sei, im Bundestag zu arbeiten, und was er alles bei den Linken tun könne.

Beim Bewerbungsgespräch saßen Martin Spiegel sechs Leute gegenüber, das fand er schon beeindruckend. Alle haben Fragen gestellt, und es kam ihm beruhigend vor, dass eine von den sechsen selbst Auszubildende war. Es war nicht so, dass sich Martin damals viel mit Politik befasst hätte. »Inzwischen bin ich aber mehr interessiert und registriere, was gesellschaftlich passiert.« Das bleibt nicht aus, wenn man bei der Fraktion DIE LINKE lernt.

Die IT-Abteilung der Fraktion ist in die Bereiche Support, Administration und Programmierung unterteilt. Für viele andere in der Fraktion läuft das wahrscheinlich im weiteren Sinne unter technische Voraussetzungen für die tägliche Arbeit schaffen, Lösungen zur Vereinfachung der Arbeit entwickeln und Retter in der Not sein. Martin Spiegel kann sich mit allen drei Bereichen anfreunden.
So entwickelte er ein kleines Programm, mit dessen Hilfe automatisch digital empfangene Fernsehsendungen aufgezeichnet werden, wenn der Name einer oder eines Abgeordneten der Fraktion DIE LINKE im Programmtext erscheint. Niemand müsste mehr vor dem Rekorder sitzen, und viel weniger bliebe dem Zufall überlassen. Solche Ideen kann Martin Spiegel in der Fraktion selbständig umsetzen. Er kauft die notwendigen Komponenten ein, plant, programmiert und probiert.
Bis vor einigen Wochen arbeitete der 18-Jährige im Rahmen des IT-Ausbildungsverbundes der Bundesbehörden in Berlin bei der Deutschen Rentenversicherung. Dort lernte er ein bestimmtes System von Softwarelösungen für Netzwerke kennen und zu beherrschen. Und im Anschluss absolvierte er ein Auslandspraktikum in Belfast.
Und sonst: alles nur IT? Keinesfalls. Fitnesstraining, tanzen gehen und möglichst viel Selbststudium, um den Horizont zu erweitern.
Das alles fühlt sich für ihn so an, als könnte es ein Traumjob werden. »Ich fände es toll, nach meiner Ausbildung hier weiterarbeiten zu können.« Martin Spiegel ist auf eine angenehme Art ehrgeizig. Wenn der 18-Jährige von Karriere spricht, dann redet er über Arbeit, die Spaß macht und interessant ist. »Personalverantwortung hätte ich irgendwann später schon gern. Eigenverantwortlich arbeiten ist auch gut. Mal sehen, was die Zukunft bringt.«

 

Suzan Gönenci – Ausbildung zur Fachangestellten für Bürokommunikation, 2. Lehrjahr

Suzan Gönenci trägt an diesem schönen, aber noch recht kalten Tag dünne weiße Stoffturnschuhe. Man spürt den starken Impuls zu sagen: »Kind, du wirst dich erkälten.« Aber Suzan ist kein Kind mehr, sondern eine junge Frau, die sich dafür entschieden hat, dass jeden Tag die Zukunft anfängt. Vor drei Jahren hat Suzan in Berlin-Charlottenburg den Realschulabschluss gemacht. Da war sie 16 und fast sicher, dass sie einen Beruf lernen möchte, mit dem sie später in der Verwaltung arbeiten kann. Oder vielleicht doch eine Ausbildung zur Krankenschwester? Dies sind schwierige Zeiten, wenn man Entscheidungen treffen muss, die fast für ein ganzes Leben taugen sollen.
Suzan machte ein halbes Jahr über das Jobcenter eine berufsvorbereitende Maßnahme. Sie lernte, wie man sich bewirbt, und arbeitete zwei Monate an einer polnisch-deutschen Grundschule. Dort saß sie im Sekretariat und hatte gut zu tun. Zum Beispiel übersetzte sie vom Türkischen ins Deutsche und umgekehrt. Beide Sprachen beherrscht sie gut – das haben Menschen wie Suzan vielen anderen voraus. Platzvorteil Migrationshintergrund könnte man sagen, auch wenn das in diesem Land kaum so gesehen wird.
Suzan Gönenci sitzt in einem Besprechungsraum der Fraktion im Bundestag und zappelt ein bisschen beim Erzählen. »Das Praktikum in der Schule hat voll Spaß gemacht«, sagt sie. Und auch wenn dies fast den Ausschlag für die Entscheidung »Verwaltung« gab, bewarb sie sich auf viele andere Ausbildungsstellen, zum Beispiel für eine Ausbildung zur Krankenschwester. Und sie bekam viele Ablehnungen. Wider alle Sonntagsreden ist es nicht einfach, einen Ausbildungsplatz zu finden. Darüber verging ein Jahr. Irgendwann bekam sie dann aber doch eine Einladung: zum Vorstellungsgespräch bei der Fraktion DIE LINKE als »Fachangestellte für Bürokommunikation« – eine Weiterentwicklung des früheren Berufes der »Sekretärin«. »Ich war fürchterlich aufgeregt«, sagt sie und lächelt.
Familie ist in solchen Zeiten immer gut. Die ermutigt, fängt auf und stärkt das Selbstbewusstsein. Suzans Familie sind die Eltern, zwei jüngere Geschwister und eine große Verwandtschaft in Bayern. Aus Bayern kommt die Mutter, deren Familie aus der Türkei dorthin ging. Der Vater kommt direkt aus der Türkei. Beide Eltern arbeiten, die Mutter als Betreuerin in einer Schulstation, der Vater ist Teppichleger. Bruder und Schwester gehen zur Schule. »Wenn wir uns mal streiten, dann immer aus Liebe«, sagt Suzan. Das ist ein solch schöner Satz, den lässt man einfach ein paar Sekunden stehen. Seit September 2009 nun lernt die junge Frau bei der Fraktion. Die Familie ist stolz auf sie, und ihr macht es richtig Spaß: »Ich habe es noch keine Sekunde bereut.« Die Bereiche Finanzen und Fraktionsservice hat sie bereits kennengelernt. Letzterer ist unter anderem für das Gestalten von Readern, für Druck und Layout von Einladungen, die organisatorische Vorbereitung von Veranstaltungen, Raumplanung, Reisebuchungen und Besucherdienste der Fraktion zuständig.
Zurzeit lernt Suzan den Bereich kennen, in dem man sich um Personalfragen kümmert, danach wird sie in einem Arbeitskreis der Fraktion lernen. Katrin Maillefert, Ausbildungsleiterin und gute Seele für alle, die als Lernende in die Fraktion kommen, sagt über Suzan: »Sie ist gut, ehrgeizig, ein Gewinn für uns.« Da müssen der Azubine ein bisschen die Ohren geklingelt haben. Gerade hat sie die Zwischenprüfungen in Tarifrecht, Beamtenrecht und Personalwesen gut überstanden. Auf die Frage, was später mal ein Traumjob sein könnte, antwortet sie: »Das hier. Und am liebsten im Fraktionsservice.« An Zielstrebigkeit mangelt es ihr nicht. Nur die Schuhe sind zu dünn für diesen kalten Tag.

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