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Das Sterben der Geburtshelferinnen

erschienen in Clara, Ausgabe 17,

Immer weniger Hebammen können von ihrem geringen Einkommen die teure Haftpflichtversicherung zahlen. Ein ganzer Berufsstand steht auf der Kippe.

»Spiel mir das Lied vom Hebammentod« – so stand es auf einem Stück Stoff. Aufgeschrieben von einer Hebamme und befestigt an einer Tröte, seit der Fußballweltmeisterschaft auch bei uns als Vuvuzela bekannt. Doch die Hebamme aus Erfurt hatte keinen Grund zum Jubeln. Sie hatte sich mit anderen Frauen an ihrem Ehrentag, dem Internationalen Hebammentag verabredet. Zu einer Protestaktion.

Eigentlich haben Hebammen den schönsten und wohl ältesten Beruf dieser Welt. Eine Schwangerschaft, die Geburt, das Betreuen von Mutter und Baby bis zum Ende der Stillzeit, das ist jedes Mal neu, immer anders, immer schön und auch immer wieder ein kleines Wunder. Doch haben mit dem 1. Juli dieses Jahres schon 476 Hebammen ihren Traumberuf an den Nagel gehängt. Noch einmal 178 professionelle Geburtshelferinnen beschlossen, die Schwangeren und jungen Mütter nur noch vor und nach der Geburt zu betreuen. Den einmaligen Augenblick des Geborenwerdens, den können sie sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr leisten. Der Grund: die teure Haftpflichtversicherung. Fast 3.700 Euro müssen freiberufliche Hebammen im Jahr zahlen. Das sind drei Monatsgehälter. Viel zu viel. Denn Hebammen verdienen wenig. Gerade mal gute 14.000 Euro stehen am Jahresende als zu versteuerndes Einkommen auf dem Papier. Der Stundenlohn liegt bei 7,50 Euro.

Darüber ist viel geschrieben worden in den letzten Wochen. Auch darüber, dass mit dieser Vergütung kaum noch eine Familie zu ernähren ist. Denn neben der Versicherung sind ja auch andere Kosten gestiegen. Das Benzin zum Beispiel. Hebammen sind kilometerweit unterwegs, mit ihrem eigenen Auto, versteht sich, vor allem im ländlichen Raum und rund um die Uhr.

Aufstand der Hebammen


Bleibt alles so, wie es ist, dann steht ein ganzer Berufsstand auf der Kippe, sagt Martina Klenk. Sie ist die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, der deutschlandweit 16000 Geburtshelferinnen zählt. Und Martina Klenk war es auch, die am 5. Mai 2010, am schon erwähnten Internationalen Hebammentag, parallel zu den Protestaktionen eine öffentliche Petition beim Bundestag einreichte. Sie fordert die wohnortnahe Versorgung von Frauen mit Hebammenhilfe.

Diese Hebammen-Petition hat Aufsehen erregt. »Sie war so etwas wie ein Paukenschlag«, erzählt Kersten Steinke. Sie muss es wissen. Kersten Steinke ist Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE und Vorsitzende des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages. Seit fünf Jahren. Prinzipiell sind 50000 Unterschriften nötig, damit der Ausschuss sich gesondert mit dem Anliegen der Petition beschäftigt. Allein am ersten Tag klickten sich bei den Hebammen 18000 Mitunterzeichner ein. Das waren mehr, als der Berufsverband Mitglieder zählt. So etwas gab es noch nie, bei keiner anderen Petition. Beinahe im Sekundentakt klickten die Unterstützer die entsprechende Liste im Internet an. Am Ende der Zeichnungsfrist hatte der Hebammenprotest über 105000 Internetunterschriften, weitere fast 90000 kamen per Post oder Fax.


Diese insgesamt mehr als 190000 Unterschriften konnten die Erhöhung der Hebammen-Haftpflichtversicherung zwar auch nicht verhindern, erzählt die Petitionsausschussvorsitzende Kersten Steinke, aber sie haben eine öffentliche Anhörung im Petitionsausschuss erwirkt. Noch vor der Sommerpause. Für Martina Klenk, die Hauptpetentin, immerhin die Chance, selbst über den komplizierten und mittlerweile existenziell bedrohten Hebammenalltag zu erzählen. »In welchem anderen Beruf«, fragte sie in die große öffentliche Runde mit Abgeordneten und Vertretern des Gesundheits- und Finanzministeriums, »werden hohe Verantwortung, psychische und physische Belastungen, permanente Erreichbarkeit und ein Höchstmaß an Flexibilität mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 7,50 Euro vergütet?« Liegt es daran, so ihr lautes Nachdenken weiter, dass es sich um einen traditionellen Frauenberuf handelt? Um einen Beruf, der auch überwiegend Leistungen für Frauen erbringt und das auch noch in einer Lebensphase, die ebenfalls wenig gesellschaftliche Wertschätzung erfährt: die Zeit für Familie?

Beruf mit Nebenwirkungen


Schwangere und Mütter brauchen die Hilfe und Nähe von Hebammen. Gerade in Zeiten von Klinikkonzentrationen und Schließung von Geburtsstationen. Dazu kommt, dass frisch entbundene Frauen viel früher aus dem Krankenhaus ins Wochenbett nach Hause entlassen werden. Ohne die geduldige, medizinisch kompetente und psychosoziale Betreuung wären die jungen Mütter aufgeschmissen.


Was die Hebammen zwischen Rostock und München, Saßnitz und Suhl, Frankfurt am Main und Schwerin also benötigen, ist mehr als die verbale Anerkennung ihrer Arbeit. Sie brauchen – so auch die Forderungen der Fraktion DIE LINKE in einem Antrag – eine gerechte Entlohnung, möglicherweise einen steuerfinanzierten Topf für die drastisch gestiegenen Versicherungsprämien, eine Einordnung ihrer Tätigkeit ins Sozialgesetzbuch. Denn die Hebammenhilfe heute wird gesehen nach der Verankerung in der Reichsversicherungsordnung von 1911. Da liegen fast einhundert Jahre Entwicklung und Aufgabenerweiterung dazwischen.

Ein Runder Tisch zur Problemdebatte und Lösung wird ebenfalls gefordert. Denn geben noch mehr Hebammen ihren Beruf auf, läuft die Kostenexplosion für die Kassen auf jeden Fall aus dem Ruder. Ein simples Beispiel: Eine Hebamme rechnet für die Erstuntersuchung eines Babys unmittelbar nach der Geburt 7,50 Euro ab. Die Klinik 750 Euro.

Die öffentliche Anhörung im Petitionsausschuss hat Zahlen, Fakten, Beweggründe und Fragen auf den Tisch gelegt. Anfang Juli tagte eine Schiedsstelle aus Hebammenverband und Krankenkassen. Sie sollte eigentlich über eine bessere Bezahlung der Hebammen entscheiden. Eigentlich, denn das Ergebnis war für die Hebammen enttäuschend. Zwar erhalten die Geburtshelferinnen für eine Beleggeburt zukünftig acht Euro mehr, für eine Hausgeburt 100 Euro. Doch das reicht nicht.


Im Gegensatz zu Handwerkern können Hebammen ihre Gebührensätze nicht einfach so erheben, um steigende Nebenkosten abzufangen. Ihre Vergütung ist festgezurrt durch die Krankenkassen. Und so richtet sich die Hoffnung der Hebammen auf die Politik. Mit ihrer Petition haben sie Öffentlichkeit hergestellt, auch die Medien interessiert und als relativ kleiner Berufsverband aufmerksam gemacht auf ihre familien- und gesellschaftspolitisch so wichtige Arbeit.

Das Petitionsverfahren der Hebammen ist gerade mal auf den Weg gebracht. Und es wird wegen der Dringlichkeit vorgezogen, erzählt die Petitionsausschusschefin Kersten Steinke. Im Herbst entscheidet der Ausschuss über das Votum für das Begehren der Hebammen. Und sollte es mit einem »hohen Votum« an die Bundesregierung überwiesen werden, dann wird diese aufgefordert, Abhilfe zu schaffen. »Das Schlimme ist«, sagt Steinke, »die Regierung kann Abhilfe schaffen, sie muss es aber nicht.« Kersten Steinke ist darum für einen verbindlicheren Charakter der Beschlüsse des Petitionsausschusses. Und den Hebammen, keine Frage, drückt sie besonders gern die Daumen. Ihre Fraktion wird sich auf jeden Fall weiterhin inner- und außerparlamentarisch für die Hebammen einsetzen.

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