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Das ist ein unausrottbarer Irrtum, dass Politik die Satire übertrifft

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Diether Dehm im Gespräch mit Werner Schneyder

über Irrtümer, Realsatire und Hoffnung

Diether Dehm: Werner Schneyder, Journalist,
Kabarettist und Satiriker, Boxkommentator, Dichter - in welcher beruflichen Phase Deines Lebens bist du gerade … zu Hause?

Werner Schneyder: Ich habe eine große Erzählung, also ein kleines Buch, abgeschlossen. Ich berichte vom langen Krebstod meiner Frau, um
zum Verhältnis von Tod, Therapie und medizinischer Ethik Fragen stellen zu können. Vor mir liegen zwei Insze-nierungen: die Uraufführung eines Stücks von einer mutigen, jungen Autorin und
danach Kálmáns »Die Csárdásfürstin«.
Es bleibt bunt.

Du hast den Satz geprägt: »Politiker rechnen so sehr mit der Stimme
des Wählers, dass sie nicht dazu kommen, sie zu hören.« Hast du
auch Alternativen erlebt?

Oh ja. Allerdings nimmt die Hörfähigkeit mit den Regierungsbeteiligungen ab.
Es ist immer wieder verblüffend, wie
rasch und radikal sich oppositionelle Anständigkeit in rechnerische, wahl-taktische Pragmatik verwandelt, oder präziser gesagt: wie sie degeneriert.

Die Politik ist dabei, die Satire auf ihrem eigenen Feld vernichtend zu ersetzen. Angenommen, die Linke schaffte eine gravierende Verbesserung - wird sie dann satirefrei?

Das ist ein unausrottbarer Irrtum, dass Politik die Satire übertrifft. Denn es gibt die Satire nicht. Es gibt nur auch - immer wieder einmal - eine gute. Die hat die sogenannte Realsatire als Material. Und sie wird mit der profilneurotischen Sekten- und Fraktionenanfälligkeit der Linken immer ihren Spaß haben.

Kann die Satire zurückschlagen?

Das halte ich kabarett- und publizistisch-historisch für bewiesen. Die Wirkung ist immer erst aus der historischen Distanz beurteilbar. Die Erkenntnis von Ohnmacht ist auch eine Wirkung.

Warum saßen auch bei dir die Angegriffenen feixend in der ersten Reihe?

Saßen sie entweder nicht oder nicht »feixend«. Sowohl im Duo als auch im Solo haben wir Angegriffenen selten die Chance gelassen, die Humorvollen zu mimen. Das schaffen die nicht, wenn der Angriff nicht persönlich ist, sondern thematisch substantiell zum Beispiel auf Programme, Grundhaltungen, Charakterlosigkeiten zielt. Danach bleiben sie weg.

Es scheint oft, als wählten Menschen links, wenn es ihnen schlecht geht, und konservativ oder liberal, wenn es ihnen besser geht. Teilst du den Eindruck und sollte es den Menschen auf der Welt besser schlechter gehen?

Menschen, denen es schlecht geht, wählen links, oder - wenn es attraktiv angeboten wird - rechts. Ich halte
die Linke für das Korrektiv konservativ-liberaler Gesellschaftspolitik; die Rechte für die eben von dieser Politik geförderte, verschuldete Perversion. Ohne mehr Verteilungsgerechtigkeit - lokal und
global - wird es gelingen, diese Perversion wieder zur sich als revolutionär
ausgebenden Kraft zu machen.

Politiker und Satiriker müssen
Ihr Produkt verkaufen.
Wie käuflich sind Satiriker?

Der Bühnenmensch, so auch der Kabarettist, will gebucht, besucht und gut ernährt sein. Er hat sich aber zu fragen: von wem? Da fallen die Entscheidungen höchst unterschiedlich aus. Da kommt es
durchaus zur Beleidigung der Epidermis.

Doch, es gebe rechtes Kabarett, sagte mal ein bekannter österreichischer Boxkommentator: den Karneval.
Der ist auch die Fortsetzung der Politik mit öffentlich-obrigkeitsrechtlichen Fernsehmitteln. Sind die Fernseh-»Comedians« die heutigen Dauerkarnevalisten?

Noch einmal: Es gibt auch die Comedians nicht. Es gibt wenige originelle, komische, hintersinnige, aber vordergründig politisch unbeteiligte Spaßmacher. Es gibt sehr viele nicht öffentlichkeitsreife Kantinen-komiker, die davon leben, dass sich das Publikum schon vorher entschieden
hatte, sie lustig zu finden. Dass das Fernsehen diesen Leuten Öffentlichkeitsberechtigung attestiert, ist eine kulturpolitische Untat, gelegentlich bis hin
zur Barbarei.

Was treibt dich politisch an?

Die Tatsache, dass ich atme, esse, trinke, rede, schreibe, lebe. Alle diese Tätigkeiten bedürfen des Umfeldes. Man nennt es Gesellschaft.

Auf dem Gründungsparteitag der
neuen LINKEN hast du in deinem Gastbeitrag formuliert, dass du nicht glaubst, der Sozialismus habe verloren: Der Sozialismus habe nur dort verloren, wo er ununterbrochen siegte. Welche Erwartungen hast du an die neu gegründete LINKE?

Zunächst: Ich erwarte nichts. Ich erhoffe. Darüber hinaus schließt meine Antwort
an die obenstehende zweite Frage an.
Es wäre zu schön, würde DIE LINKE nicht von Realpolitikern durchsetzt werden,
die ein Fremdwörterlexikon benötigen,
um zu klären, was der Begriff »Solidarität« bedeutet.

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