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Das Fenster zur Geschichte steht immer nur kurz offen

Von Dagmar Enkelmann, erschienen in Clara, Ausgabe 17,

Das brisante Jahr 1990: Beitritt oder Konföderation? Dagmar Enkelmann war damals Präsidiumsmitglied der letzten, aber ersten frei gewählten Volkskammer, Ulrich Maurer saß im SPD--Parteivorstand. Heute ist sie Parlamentarische Geschäftsführerin, er ist stellvertretender  Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. Gemeinsam erinnern sie sich an den Umbruch.

Die Nachtsitzung der Volkskammer vom 22. zum 23. August 1990 war eine historische: Beschlossen wurde der schnelle Anschluss der DDR an die BRD. Welche Erinnerungen haben Sie an
diese Stunden?


Dagmar Enkelmann: Diese Nacht werde ich nie vergessen. Die Volkskammersitzung war als ganz normale Debatte angesetzt. Dann kam dieser zusätzliche Tagesordnungspunkt: »Beitritt zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland«. Die Fraktionen überschlugen sich in ihren Zeitvorstellungen. Die Maximalvariante war der 23. August 1990, also sofort. Morgens, gegen zwei oder drei Uhr, gab es dann eine Mehrheit für einen schnellen Anschluss an die Bundesrepublik.

Wie hat Ihre SED/PDS-Fraktion reagiert?


Enkelmann: Es war so eine Art Trauerstimmung. Manche hatten Tränen in den Augen. Wir wussten sofort, wohin die Reise gehen würde. Wir wollten Übergangsregelungen, auch mehr Ideen, wie man die Menschen in diesem schwierigen Prozess mitnimmt und wie Erhaltenswertes bewahrt werden kann.

Und was war im fernen Stuttgart von den politischen Turbulenzen in der Noch-DDR zu spüren?


Ulrich Maurer: Ich war ja damals im Parteivorstand der SPD und hatte ein Jahr zuvor in Dresden Hans Modrow, den 1. Bezirks-sekretär der SED, besucht. Es war einfach zu spüren, dass die Politik des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow auch die Menschen in der
SED bewegte. Mit denen ins Gespräch zu kommen, das war wichtig.

Was hat Sie besonders überrascht?


Maurer: Ich war völlig verblüfft, wie offen die Menschen in Sachsen geredet haben. In der SPD gab es heftige Debatten darüber, wie sich eine Annäherung vollziehen könne. Der linke Flügel, zu dem ich gehörte, plädierte für eine Konföderation beider deutscher Staaten. Wir waren dann entsetzt, dass immer mehr Menschen nur noch schnell die D-Mark wollten. Schlimm war, wenn man versucht hat zu erklären, was die Menschen nach einem schnellen Anschluss wirklich erwarten würde. Da wurde man schnell zum vaterlandslosen Gesellen. Im Osten wie im Westen.
 
Wie realistisch waren zu diesem Zeitpunkt die Konzepte für einen sogenannten »Dritten Weg«?


Enkelmann: Das war schon nicht mehr realistisch. Wer glaubt, wir hätten damals noch eine echte Chance gehabt, die DDR zu reformieren, der irrt und verkennt die wirtschaftliche Situation dieses Landes
und auch den Frust und die Resignation der Bürger. Die Menschen haben denen nicht mehr getraut, die politisch Verantwortung trugen. So blieb nur das Modell: rein in die Bundesrepublik, Beitritt mit allen Konsequenzen. Die Fernsehjournalistin Maybrit Illner äußerte mal: »Als die DDR anfing, Spaß zu machen, war sie zu Ende.« Diese Sichtweise teile ich.

Für viele Linke im Westen waren die stürmischen Zeiten der Runden Tische in der DDR mit der Hoffnung verbunden, ein bisschen davon könne den Westen erreichen.


Maurer: Diese Hoffnung war sehr stark. Das war auch ein Grund, warum ich damals nach Dresden gefahren bin und Gespräche geführt habe. Aber wir haben es alle nicht für möglich gehalten, wie schnell die DDR zusammenbrechen würde. Mit ein bisschen mehr Zeit hätte es eine Chance gegeben, auch für den Westen mehr Demokratie, mehr Bildungsgerechtigkeit, eine andere Politik, auch, was die Berufstätigkeit von Frauen angeht, eine Ganztagsbetreuung für Kinder, zu erstreiten. Ich fand dieses Gesundheitswesen mit den Polikliniken faszinierend. Das alles ist leider überrollt worden.

War die Gründung der gesamtdeutschen Partei DIE LINKE im Jahr 2007 eine ähnliche Sturzgeburt wie die deutsche Einheit vor 20 Jahren?


Maurer (lacht): Zum Teil. Sturzgeburten funktionieren natürlich nur, wenn das Kind überlebensfähig ist. Offenkundig war es so, dass der Wille auch im Westen da war, gemeinsam nach einer Perspektive zu suchen. Das Fenster zur Geschichte ist immer nur kurz offen. Dann musst du springen. Wenn Du es nicht tust, ist es vorbei.

War die Zeit reif für diese Partei?


Maurer: Ja, das sieht man jetzt am Wachstum der Partei, an den Mitgliederzahlen und den Bewegungen, die sie ausgelöst hat. Heute ist die Partei im Westen ein Kind, das in die Pubertät kommt, mit allen Erscheinungen, die eben dazu gehören.


Enkelmann: Ich bin mir nicht sicher, ob es einfacher gewesen wäre, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten. Wichtig war von Anfang an, dass wir gemeinsame politische Ziele verfolgen. Da war immer die Frage: Was eint uns, wo ist das Gemeinsame im Kampf um soziale Gerechtigkeit?

Was hätten Sie jemandem gesagt, der Ihnen am 3. Oktober 1990 eine gemeinsame linke Partei mit einer starken Fraktion im Deutschen Bundestag für 2010 prophezeit hätte?


Enkelmann: Ich hätte ihn vermutlich für verrückt erklärt. Die PDS konnte auf Dauer keine ostdeutsche Regionalpartei bleiben. Wir haben allerdings erkannt: So etwas muss von unten wachsen, und die Partei
im Westen braucht eine eigene Basis.

Empfinden Sie die verschiedenen kulturellen, sozialen und biografischen Herkünfte Ihrer Partei als Fluch oder Segen?


Maurer: Sie sind ein Reichtum und eine große Chance. Aber man muss sorgfältig damit umgehen. Die Partei hat – vielleicht ein kühner historischer Vergleich – eine gewisse Ähnlichkeit mit der USPD Anfang der 1920er Jahre. Aus dieser Erfahrung sage ich, dass man historische Chancen auch vergeigen kann.

 

Überwiegen die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten?


Maurer: Ich glaube nicht, dass es bei uns so grundsätzlich verschiedene politische Meinungen gibt, das zeigt schon jetzt der Programmprozess. Wir wollen alle dasselbe: Gleichheit, Freiheit, Schwesterlichkeit.
Das Problem liegt in der Fremdheit der unterschiedlichen kulturellen Prägungen, einschließlich des Sprachgebrauchs. Erst hier in Berlin habe ich gemerkt, dass das gleiche deutsche Wort nicht das Gleiche bedeuten muss.

Wie wirkt sich Ihre unterschiedliche regionale und politische Sozialisation auf Ihre Kinder aus? Denken sie zwei Jahrzehnte nach der Einheit noch in West- und Ost-Kategorien?


Enkelmann: Meine beiden ältesten Kinder kennen die DDR noch aus eigenem Erleben. Sie erinnern sich an Pioniernachmittage, an Wandertage. Meine jüngste Tochter wurde genau 1989 geboren und sie fragt häufig: »Warum redet ihr so oft von West und Ost?« Alle drei Kinder sind sehr wach, schauen genau hin, wo es ungerecht zugeht. Ich bin sehr froh, dass aus allen etwas geworden ist. Auch weil ich in den letzten zwanzig Jahren immer wenig Zeit für die Familie hatte.


Maurer: Mein Sohn ist ein kritischer Geist, der mit Schärfe die Defizite aller politischen Systeme sieht. Er wird wohl nie in eine Partei eintreten, er geht seinen ganz eigenen Weg. Meine Tochter ist gerade auf dem Weg zum Studium in Havanna. Sie hat immer gesagt, ihr sei der Westen zu kalt, die Leute zu oberflächlich. Über Kuba sagt sie: »Ja, den Leuten geht es schlecht, es mangelt an allem.« Und doch sei das gelebte Miteinander der Menschen, die Fröhlichkeit und der Zusammenhalt etwas, das sie im Westteil Deutschlands so nie erlebt habe.

Das Gespräch führte Astrid Landero

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