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»Das Bildungspaket wirkt wie ein Feigenblatt«

erschienen in Klar, Ausgabe 21,

Der Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, wirft im Exklusiv-Interview mit Klar  der Regierung vor, sie drücke Hartz-IV-Beziehende weiter an den Rand.

 

Der von Ihrem Verband im Jahr 2009 vorgestellte Armutsatlas zeigt ein tief gespaltenes Land. Hat der Hartz-IV-Kompromiss vom Februar 2011 daran etwas geändert?

Ulrich Schneider: Nein, er schreibt die Armut in diesem Lande fort und vertieft sie sogar. Unterm Strich haben die Hartz-IV-Beziehenden ihre Fünf-Euro-Erhöhung selbst finanziert und werden mit den anstehenden Leistungskürzungen bei der Bundesagentur für Arbeit weiter an den Rand gedrückt.

Wird aus Ihrer Sicht das sogenannte Bildungspaket den Anstieg der Armut abfedern?

Das Bildungspaket wirkt eher wie ein Feigenblatt und dient nicht der tatsächlichen Eröffnung von Bildungschancen. Zu jedem armen Kind gehören arme Eltern. Und jeder Pädagoge weiß, wer Kindern Lebensmut vermitteln will, muss die ganze Familie stärken. Das ist etwas anderes als zehn Euro für den Schwimmverein, einen Schulausflug oder Nachhilfe.

Was muss geschehen, will man der weiteren sozialen Spaltung im Land entgegenwirken?

Wir müssen den Mut haben, die Verteilungsfrage in Deutschland offen anzusprechen. Wir müssen mit Mindestlöhnen und einem guten Familienlastenausgleich dafür sorgen, dass sich für die, die arbeiten, Arbeit auch lohnt. Und wir müssen den Menschen Perspektiven geben – nicht 
irgendwie, sondern konkret.

Wie soll das passieren?

Wir müssen Kinder von Anfang an fördern. Von der Hebamme bis zur Hochschulausbildung sind Entwicklungsschienen zu legen, an deren Etappenzielen immer die konkrete Perspektive stehen muss: der Platz in der Schule der Wahl, der Ausbildungsplatz, der Hochschulplatz, der Arbeitsplatz. Wir müssen lernen, Bildungs- und Sozialpolitik vom Ende her zu denken.

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