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Das andere EVA-Prinzip

erschienen in Clara, Ausgabe 6,

Eva Schwarze-Kahrs

ist Leiterin der

Parlamentarischen

Geschäftsführung

der Fraktion DIE LINKE. Ein hochkarätiges

Amt jenseits vom

Rampenlicht, das viel Fingerspitzengefühl und gute Kondition verlangt.

Schwer zu sagen, was ihr mehr liegt, Diplomatie oder Verwaltungsarbeit. Vermutlich aber beides, sind es doch die Haupttugenden in ihrem Amt. Eva Schwarze-Kahrs ist die rechte Hand der Ersten Parlamentarischen Geschäftsführerin unserer Fraktion, Dagmar Enkelmann. Kaum jemand kann so recht erklären, was man, pardon frau in diesem Job konkret leisten muss. Auf diese Frage antwortet Eva mit einem leicht verschwörerischen Blick: »Parlamentarische Geschäftsführungen - kurz die PGF - sind Politikmanager in den Fraktionen. Sie ziehen im Hintergrund die Strippen.« Ohne die PGF läuft praktisch fast nichts im Bundestag. Sie bereiten Sitzungen vor, planen mit den anderen Fraktionen die Tagesordnung, sorgen für Präsenz und Geschlossenheit in den Reihen der Abgeordneten. Die PGF ist ein Mikrokosmos im großen Parlamentsgetriebe. Eva Schwarze-Kahrs ist mittendrin und hält die Fäden, gemeinsam mit ihren Mitarbeitern Dana Engelbrecht und Reiko Pinkert, für DIE LINKE zusammen. Sie sind ein eingespieltes Team. »Unter zwölf bis vierzehn Stunden geht es für uns in Sitzungswochen selten ab«, lächelt Eva.

In Sitzungswochen
steht sie unter Strom

Tagt der Bundestag, kann man mit ihr kaum ein persönliches Wort wechseln, es sei denn, es ist von Belang für parlamentarische Abläufe der Woche. Würde man dann einen Steckbrief von ihr erstellen, könnte der so aussehen: auffällige, freundliche Erscheinung, hocheffizient, nach außen ruhig, in Sitzungswochen ständig unter Strom und zwangsläufig Langstreckenläuferin aus Passion. Letzteres ergibt sich aus den ständigen Terminen, die je nachdem im Reichstagsgebäude oder im Jakob-Kaiser-Haus, wo die Fraktion ihren Sitz hat, stattfinden. Vermutlich hat sie bisher keiner mit Hand- oder Aktentasche gesehen. Meist trägt sie Mappen unter dem Arm, darin Stapel von wichtigen Listen. Diese Listen gleichen einem Szenarium. Auf jedem Blatt wird minutiös eine Sitzung des Bundestags durchgeplant: Wer hat wann, zu welchem Thema in den Debatten des Parlaments etwas zu sagen. Die Regierungskoalition darf entsprechend ihrer Stärke zuerst ans Rednerpult, gefolgt von der Opposition. Wer, wie lange sich von der Opposition äußern darf, ist festgelegt und zugleich Verhandlungssache. Das verlangt viel Fingerspitzengefühl, Gespür für die jeweilige politische Situation und schnelle Entscheidungen in den interfraktionellen Abstimmungsrunden.
»Solche Runden können anfangs total einschüchternd sein - männlicher Konkurrenzkampf gepaart mit Freude, den politischen Gegner mitunter über den Tisch ziehen zu können«, sagt Eva ganz unaufgeregt. Sie kennt inzwischen das »Geschäft« und lotet Verhandlungsspielräume für DIE LINKE aus.

Linker Antrag in der
Kernzeit durchgesetzt

Geschickt hat sie unseren Antrag »Gute Arbeit - Gutes Leben« in der interfraktionellen Verwaltungsleiterrunde für die so genannte Kernzeit der Bundestags-Debatte vom 25. Oktober 2007 durchgesetzt. Tags darauf begann der SPD-Parteitag in Hamburg. »Kernzeiten in Sitzungswochen«, sagt Eva, »sind immer die ersten beiden Tagesordnungspunkte am Donnerstag und Freitag. Sie werden von den Massenmedien mit besonderem Interesse wahrgenommen.« Reden in Kernzeiten stehen der LINKEN durchschnittlich viermal im Halbjahr zu.

Immer schneller, hektischer und komplexer geht es im Bundestag zu. Hinzu kommt die veränderte Medienlandschaft, die den Druck auf das Parlament weiter verstärkt, das Tempo erhöht. Eva Schwarze-Kahrs hat ihr Handwerk schon 1996 in Bonn von der Pike auf gelernt. Sie ist Perfektionistin. Das kann nervend sein, ist aber notwendig. Akribisch vermerkt sie alle Redezeiten, wann ein Tagesordnungspunkt mit oder ohne Debatte stattfindet, zu welchem Zeitpunkt eigene Anträge oder Gesetzesentwürfe unserer Fraktion eingereicht und aufgesetzt werden sollen. Ständig steht sie dabei in Kontakt mit unserer Fraktion, der Bundestagsverwaltung und den anderen PGF. Im Laufe der Jahre hat sie dabei ihr eigenes EVA-Prinzip entwickelt. Das ist bei ihr viel mehr als nur Eingabe, Verarbeitung und Ausgabe von parlamentarischen Initiativen. Mit großem Charme, mit Leidenschaft und Verlässlichkeit nimmt sie auf, was »politisch läuft« und was nicht.

Ohne Kenntnis von
Geschichte kann man
Politik nicht verstehen

Ohne Zweifel hat Eva die gängigen Klischees, die über die LINKEN existieren, gebrochen. Sie spürt die Anerkennung, die sie auch in den anderen Fraktionen genießt. Der Weg dorthin war ein hartes Stück Arbeit. Wird sie nach ihrer Herkunft gefragt, antwortet sie verschmitzt, sie sei Europäerin. Es gab nämlich eine Zeit, da hieß Eva Ewa. Das w klang weich und ihr Nachname Lewsza hatte etwas Unaussprechliches. Das zu erzählen ist wichtig, weil ohne die prägenden polnischen Wurzeln nicht aus Ewa Eva geworden wäre. Ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen und ihre politische Erziehung sollten Eva in einer deutschen Schule in Dinslaken/Niederrhein, in die sie Anfang der Sechziger eingeschult wurde, fast zum Verhängnis werden. Eine Halbpolin wie sie hatte von einem deutschen Schulleiter nichts zu erwarten und wurde deshalb nicht gefördert. Alles musste sie sich erkämpfen und erkannte schon frühzeitig, dass sie nur über Umwege ihre hochgesteckten Ziele erreichen kann.

Eva liebt Geschichte und Politik. Sie schafft - da war sie bereits über 30 - die Aufnahmeprüfung an der Uni von Brighton/England und schreibt sich für diese Fächer ein. Lange hat sie dafür gespart, mehrere Ausbildungen abgeschlossen, gejobbt bis zum Umfallen, um sich ihren Traum erfüllen zu können. Die Universität und Eva waren links, etwas Besseres hätte ihr nicht passieren können. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von dieser Zeit erzählt, weil sie den Genuss von Bildung, die ihr lange verwehrt wurde, immer zu schätzen wusste. Ihre Diplomarbeit über die »Armia Krajova«, in der ihr Vater gekämpft hat, wird zur persönlichen und politischen Aufarbeitung von schwieriger Geschichte. Die »Armia Krajova« war die größte Widerstandsorganisation im besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges. »Ohne Kenntnis von Geschichte, kann man heute Politik nicht verstehen«, sagt sie. Eva wird nach Beendigung des Studiums Mitglied der »Philosophy Society« der Universität von Brighton. Ihre Neugier auf Geschichte und Menschen, die Geschichte(n) erzählen können, hat sie sich bewahrt.

1994, zurück in Deutschland, sieht sie ein Plakat »Gysi kommt«. Sie hört seine Rede in Dinslaken, ist begeistert und weiß noch heute, was ihr damals durch den Kopf ging: »Den schleppe ich ab nach England zu einem Vortrag in der ›Philosophy Society‹«. Es kam genau anders herum. Gysi gewann sie für die Fraktion. Zum Glück, denn sonst gäbe es nicht das andere EVA-Prinzip.
Marion Heinrich

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