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Damit die Bäuerin im Dorf bleibt

Von Kirsten Tackmann, erschienen in Clara, Ausgabe 22,

Eine Landwirtin mit Leib und Seele, die neue Gemeinsame Europäische Agrarpolitik und das Prinzip Gleichheit

Neuzelle, der Ort im Südosten Brandenburgs ist vielen durch das gleichnamige Kloster ein Begriff. Weniger bekannt – jedenfalls überregional – ist möglicherweise die Agrargenossenschaft Neuzelle. Die Vorstandschefin heißt Brigitte Gutzmer. Zu ihrem Leitungsteam gehören acht Männer. Zusammen händeln sie 120 Mitarbeiter, zehn Azubis, knapp 6000 Hektar Acker- und Grünland, 6000 Schweine, 2600 Rinder, die meisten Milchkühe, etwa 150 davon Mutterkühe. Dazu kommt eine eigene Schlachterei, der Bauernladen, der Kartoffelschälbetrieb, ein Bauernmuseum – alles nahe beieinander. Was hier wächst und gedeiht, wird vor Ort verarbeitet, verkauft, verfüttert. Ein gesunder biologischer Kreislauf. Die Restaurants, Großküchen, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten in der Region gehören zu den Kunden der Neuzeller Agrargenossenschaft. Die Leute ringsherum sowieso.

Für die europäische Agrarkommission gilt dieser gut funktionierende Betrieb allerdings schon als Großunternehmen. Und die sollen europaweit nach Plänen der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik künftig weniger gefördert werden. Schon ab 2014. »Dann können wir hier einpacken«, sagt Brigitte Gutzmer. Der Grund: Die EU-Direktzahlungen an die Landwirte sollen pauschal und drastisch gekürzt werden. Die eingesparten Gelder, so die Planung, fließen dann in die kleinen Bauernwirtschaften. »Die sollen und müssen auch anders gefördert werden«, sagt Brigitte Gutzmer. »Aber sind die Kleinen automatisch auch die Besseren?«, fragt sie und erzählt von der Gründungszeit ihrer Agrargenossenschaft in den 90er Jahren. Der Chef damals schickte über den bundesdeutschen Bauernverband die jungen Mitarbeiter aus Neuzelle nach Bayern, sie sollten sich die dortigen Familienbetriebe anschauen. Am Ende beschlossen alle gemeinsam, nicht jeder für sich und nicht klein-klein, sondern »unter einem Dach« zu produzieren. Nur so wären sie auf Dauer wettbewerbsfähig. Gesagt, getan. Die Genossenschaft hat Laufen gelernt. Nur so investiert, wie die Kassenlage es hergab. Jetzt funktioniert der Kreislauf zwischen Pflanzen- und Tierproduktion, die Aufzucht von Jungtieren, die Verarbeitung auf dem Hof, der Verkauf im nahen Umfeld, der kurze Weg zum Verbraucher. Trotzdem braucht die Neuzeller Genossenschaft die Fördermittel. 23 Prozent ihrer Kosten werden dadurch abgedeckt. Nur 23 Prozent muss man sagen, denn bei anderen sind es bis zu 50 Prozent. In Neuzelle sind es weniger, weil die eigenen Produkte an Ort und Stelle veredelt und direkt vermarktet werden.

Brigitte Gutzmer klagt bei der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik Gleichbehandlung ein. Ein Hektar sei ein Hektar, sagt sie, »es kostet Zeit, Mühe, Geld, Arbeit, ihn zu bearbeiten. Egal, ob er einer großen oder kleinen Bauernwirtschaft gehört.«

Kirsten Tackmann, die agrarpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, lehnt die Kappungsgrenzen ebenfalls ab. »Es ist Unsinn, nach Größe zu zahlen. Die Frage ist eher, welche öffentlichen Leistungen entstehen durch öffentliche Gelder.« Förderungswürdig sei, »wer Menschen beschäftigt, faire Löhne zahlt und nicht nur anbaut, was den höchsten Gewinn bringt, sondern was auch ökologisch sinnvoll ist«.

»Wir machen das, schon immer«, sagt Brigitte Gutzmer. »Wenn wir aber auch morgen oder übermorgen noch eine Chance als Bauern im Dorf haben sollen, dann muss Brüssel bei der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik noch einige Hausaufgaben erledigen.«

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