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Daheim statt im Heim

erschienen in Clara, Ausgabe 3,

Im Alten- und Pflegeheim: Flure wie Landebahnen, der abhebende Tänzer, Damen, die singen oder philosophieren, und Personal, das über Formulare stöhnt.

Praktisch, rechteckig, pflegeleicht schaut er aus, der siebenstöckige Plattenbau in der Gürtelstraße 32 in Berlin zwischen Prenzlauer Berg und Weißensee. Hier soll ein Alten- und Pflegeheim sein?

Ilja Seifert mag keine Heime, und das nicht erst seit ein UNO-Bericht die Situation in deutschen Pflegeheimen als menschenunwürdig eingestuft hat. »Deshalb müssen wir uns drum kümmern«, sagt der behindertenpolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE. Die politische Großbaustelle Gesundheitsreform hat ihren Betrieb eingestellt. Die Bauwagen der Umgestalter rollen jetzt auf die »Pflege« zu. Neben der Interessenvertretung für Behinderte und der Tourismuspolitik beschäftigt sich Ilja Seifert seit Jahrzehnten mit erforderlichen Veränderungen in der Pflegepolitik. Statt Pflege benutzt er lieber das Wort Assistenz.

Gleich zu Beginn der Gesprächsrunde im Besprechungsraum des Seniorenstifts am Prenzlauer Berg fühlt sich Ilja Seifert herausgefordert. Er hat erfahren, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner im Stationszimmer und an der Portiersloge abmelden sollen, wenn sie an die frische Luft gehen. »Das hat wenig mit Selbstbestimmung zu tun. Ich melde mich auch nicht ab, wenn ich meine Wohnung verlasse.« Gerhard Braunstein vertritt in der Runde den Heimrat. »Ich fühle mich sicherer, wenn ich mich abmelde.« - »Stellen sie sich das Geschrei der Medien vor, wenn eine Dame oder ein Herr hinter einem Gebüsch oder zwischen parkenden Autos umfällt und erst nach Stunden gefunden wird«, gibt Pflegedienstleiterin Sigrun Sahmland zu bedenken. Heimleiter Wilfried Brexel führt »haftungsrechtliche Gründe« an. »Das ist der Punkt, wo ich bockig werde«, entgegnet Ilja Seifert, »mein Vermieter haftet doch auch nicht, wenn ich umfalle. Nur im Heim ist das anders.« Nach einem weiteren Pro und Kontra beendet Ilja Seifert die erste Runde versöhnlich: »Ich verstehe ja, dass Sie vorsichtig sein müssen.«

Sigrun Sahmland führt den Abgeordneten durchs Haus. Sie erklärt, dass die Platte völlig entkernt wurde, um den Wohnblock alten-, behinderten- und pflegegerecht umbauen zu können. Warten vor dem Fahrstuhl, die Tür geht auf, ein älterer Herr drängt heraus. Sigrun Sahmland begrüßt ihn mit Handschlag: »Hallo, Herr Wilken, wie geht’s denn heute?« »Oh je, Hansa hat heute ein schweres Heimspiel!«, antwortet vielsagend der alte Hansa-Rostock-Fan.

Zimmer 311, dritter Stock. Hier ist Gerhard Braunsteins Zuhause. Der 81-jährige »Gentleman alter Schule« schmökert leidenschaftlich gern in einem seiner Bücher, die von der Luftfahrt erzählen. Die eigene Schrankwand ist voll davon. »Ich gehe auch noch jedes Jahr nach Schönefeld zur Luftfahrtschau, da treffe ich immer Kollegen von ihnen«, sagt er zu Ilja Seifert. Gelernt hat Gerhard Braunstein Werkzeugmacher. Später studierte er Maschinenbau und machte nebenbei seinen Segelfliegerschein. Nach der vorgeschriebenen Praxis ließ er sich sogar zum Fluglehrer ausbilden. »Im Fliegerclub bin ich auch noch Mitglied.« Ilja Seifert ist beeindruckt. Beim Plaudern stellen die beiden fest, dass sich ihre Wege vor Urzeiten beim VEB Backwarenkombinat gekreuzt haben. Gerhard Braunstein war dort Ingenieur und Ilja Seifert Leiter des Zirkels Schreibender Arbeiter.

Nach dem Tod seiner Frau zog Gerhard Braunstein eher widerwillig ins Heim. »Jetzt fühle ich mich wohl. Zumindest wohler als zuhause, da kamen immer andere Pflegerinnen zu mir.« Er gehe viel nach draußen und am Wochenende zu seiner Tochter, die ein paar Tramstationen weiter wohnt. Die Pflegeleiterin drängt zum Aufbruch. Ein charmanter Eigenbrödler sei Herr Braunstein, sagt Sigrun Sahmland beim Rausgehen. »Aber einmal im Monat bei unseren Festen dreht er auf. Unsere Damen lieben ihn, weil er der eifrigste und beste Tänzer im Haus ist.« Der Flugzeugfan lächelt und wirkt ein ganz klein wenig verlegen.

Der breite und leere Flur wirkt jetzt wie eine Landebahn für Kleinflugzeuge. »Das ist der Zwang des Plattenbaus. Für unser Personal ist das aber sehr zweckmäßig«, erläutert Sigrun Sahmland. Bei 28 Einzelzimmern pro Stockwerk und Station ist es gut, alles im Blick zu haben.

»Bei 28 Einzelzimmern pro Stockwerk und Station ist es wichtig, alles im Blick zu haben.«

Gerhard Braunstein zeigt Ilja Seifert noch den Stationsaufenthaltsraum. »Hier spielen die Damen Karten.« Von irgendwoher ist eine Flöte zu hören, in die ein mehrstimmiges »Es tönen die Lieder...« einfällt. Neben den Pflegekräften - pro Station vier bei der Frühschicht und jeweils zwei in Spät- und Nachtschicht - sorgt ein Team von sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für Freizeitgestaltung.

Im Erdgeschoss sammelt Altenpfleger Andreas Kapa die Gesprächsgruppe ein. Heute wird über »Wunder« geredet. Um den Bewohnern geistige Anregung zu geben, bietet das Seniorenstift auch Gedächtnistraining an. Für Zerstreuung sorgen Bingo, Basteln, Musizieren und Gymnastik. Viele Bewohner nehmen die Angebote der sozialen Animateure gern an. Was wird getan, wenn sich jemand im Zimmer einigelt, will Ilja Seifert wissen. »Motivationsgespräche helfen manchmal«, antwortet Sozialarbeiterin Bettina Saegling. Es käme auch vor, dass sie aus dem Zimmer geworfen werde. Ilja Seifert lacht: »Jeder hat das Recht, sich zu langweilen.«

Zurück im Besprechungsraum, möchte der Abgeordnete wissen, in welche Richtung sich aus der Sicht der Bewohner und des Pflegepersonals das Heim- und Pflegesystem entwickeln sollte. Immer wieder bekannt werdende Heimskandale, Konstruktionsfehler in der Pflegeversicherung und das desaströse Urteil im UNO-Bericht zum Zustand deutscher Pflegeheime sind blamabel, bedürfen Veränderungen. Die Runde ist sich einig, dass die Deutung des Pflegebegriffs verändert werden muss. Das schließt ein selbstbestimmtes Leben und die gesellschaftliche Teilhabe ein. Das Zukunftsmodell muss sich an »Daheim statt im Heim« orientieren, bekräftigt Ilja Seifert und fordert »Weg mit der Pflege im Minutentakt.«

Während der Diskussion geht es mit den Äußerungen kreuz und quer durchs Gestrüpp der Pflegetheorie und dem Alltag im Heim. »Profitdenken und Sozialarbeit passen nicht zusammen!« - »Als Einrichtung müssen wir betriebswirtschaftlich denken.« - »Viel Papierkram, wenig psychosoziale Betreuung.« - »Die Politik muss sich fragen lassen, mit welchem Menschenbild sie zu Werke geht.« - »Was sind uns die alten Menschen wert?« - »Behinderten- und altersbedingte Nachteile gesellschaftspolitisch ausgleichen.« -»Die Ministerin redet von Entbürokratisierung und legt dazu einen 270-seitigen Bericht vor.« Fazit: Noch gibt es mehr Fragen als Antworten über die Zukunft einer hochwertigen Pflege.

Anhand einer Bewohnerakte erklärt Sigrun Sahmland die »zum Teil sinnvolle, doch in weiten Teilen auch ausufernde Bürokratie«. Das Stammblatt gibt einen Überblick über den Gesundheitszustand des Bewohners. In der Anamnese werden die Probleme benannt, Ziele definiert und Maßnahmen festgelegt. In den drei Tagesblättern - blau für Früh-, grün für Spät- und rot für Nachtdienst - müssen 40 Positionen abgearbeitet werden. Zudem ist für jeden Tag ein Kurzbericht zu schreiben. Ilja Seifert schüttelt den Kopf. »Ich frage mich öfter, ob ich hier meine Eltern unterbringen würde«, sagt Betriebsrätin Marianne Tagelmann: Sie wertet es als gutes Zeichen, hier im festen Team mit sehr wenig Fluktuation arbeiten zu können. »Sie kann«, murmelt Ilja Seifert bei der Verabschiedung.

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