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Care Revolution ist eine gesellschaftliche Perspektive

erschienen in Clara, Ausgabe 44,

Zeitstress und Arbeit ohne Ende sind alltägliche Realität im neoliberalen Kapitalismus. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie die beruflichen und familiären Anforderungen meistern können, ohne daran zu zerbrechen. Sie arbeiten wegen gestiegener Anforderungen in ihren Berufen am Limit ihrer Kräfte. Gleichzeitig sind sie aufgerufen, ihre Verwertbarkeit als Arbeitskraft sicherzustellen, indem sie beispielsweise für ihre Weiterbildung und körperliche Fitness sorgen. Das ganze Ausmaß der Erschöpfung ist allerdings nur dann zu verstehen, wenn gleichzeitig die hohen Anforderungen im Bereich der familiären Sorgearbeit, die insbesondere Frauen leisten, betrachtet werden. Beispielsweise sind Eltern für die regelmäßige Hausaufgabenbetreuung ebenso verantwortlich wie für eine gesunde Ernährung.

Dies ist Folge einer Politik, die zur Sicherung der Kapitalverwertung bestrebt ist, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft möglichst gering zu halten. Demgegenüber plädieren wir – das Netzwerk Care Revolution – mit der Transformationsstrategie der Care Revolution für einen grundlegenden Perspektivwechsel. Wir setzen uns für ein Leben ein, in dem alle Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen können, und zwar umfassend, ohne jemanden auszuschließen und nicht auf dem Rücken anderer. Dabei stellen wir bewusst die grundlegende Bedeutung der Sorgearbeit im nicht entlohnten familiären Bereich ebenso wie im entlohnten Care-Bereich ins Zentrum sozialer Auseinandersetzungen.

Ziel der Care Revolution ist es zunächst, dafür einzutreten, dass allen Menschen – Erwerbslosen, Geflüchteten, Alleinerziehenden, Kranken – ausreichende materielle und zeitliche Ressourcen zur Verfügung stehen. Dies ist realisierbar durch einen ausreichenden Mindestlohn, die Abschaffung von Minijobs und anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie die Einführung eines bedingungslosen, die Existenz sichernden Grundeinkommens. Gleichzeitig benötigen wir eine deutliche Erwerbsarbeitszeitverkürzung für die Vollzeitbeschäftigten, damit endlich Zeit bleibt für Selbstsorge und Sorgearbeit für andere, für politische und ehrenamtliche Arbeit und nicht zuletzt auch für Zeiten der Muße.

Ein zentrales Ziel der Care Revolution ist darüber hinaus die Demokratisierung aller Care-Bereiche. Dabei geht es darum, Sorgearbeit nicht weiter nach den Reproduktionsnotwendigkeiten einer möglichst gut einsetzbaren Arbeitskraft zu bestimmen, sondern nach den Bedürfnissen sowohl derer, die Sorgeaufgaben übernommen haben, als auch derjenigen, die auf Sorgearbeit angewiesen sind. Alle diese Menschen sollen über den Rahmen für Sorge und Selbstsorge vor Ort mitentscheiden können. Um dies zu erreichen, wollen wir einerseits die staatliche Infrastruktur, die für Sorgearbeitende so bedeutsam ist, über Runde Tische, Stadtteilversammlungen oder Care-Räte demokratisieren. Andererseits sind uns aber auch Gemeinschaftsprojekte wie Polikliniken, freie Kitas oder Nachbarschaftszentren wichtig, die von unten vor Ort aufgebaut werden und aus Steuern finanziell unterstützt werden müssen. Eine Vorbedingung jeder umfassenden Demokratisierung ist allerdings, dass die Care-Einrichtungen aus dem Besitz privater Eigentümer und Eigentümerinnen herausgelöst und wieder der Allgemeinheit übertragen werden.

Meine Vision ist es darüber hinaus, dass die gesamte Gesellschaft bedürfnisorientiert und solidarisch gestaltet wird. Damit kann auch das Ganze der Arbeit – die bislang entlohnte und die unbezahlte – so organisiert werden, dass jede Person den Bereich selbst wählen kann, in dem sie tätig sein möchte.

Gabriele Winker ist Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der TU Hamburg. Sie ist im Netzwerk Care Revolution aktiv.

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