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Brüder, zur Sonne, zur Freiheit

erschienen in Clara, Ausgabe 15,

Rückblick auf eine denkwürdige Anzeige: Eine ehrenwerte Gesellschaft deutscher Spitzenmanager adelt ihren Kanzler und seine Agenda 2010.

Herbst 2004. Die Wut im Lande wächst. Aber Gerhard Schröder steht nicht allein. »Auch wir sind das Volk«, rufen Konzern- und Medienbosse. Pünktlich zum Tag der Einheit ist er zu bestaunen, der große Akt der Solidarität. Auf einer ganzseitigen Anzeige in der Süddeutschen Zeitung.
Verdammt von »Demagogen«, bedrängt von »Populisten« bekommt der mutige Kanzler der Vernunft, was ihm gebührt: den Ritterschlag der Wirtschaftsführer. Denn gegen das »Jammern in Deutschland« hilft nur Hartz IV. Deshalb gilt in der »Stunde der Wahrheit«: »radikaler Kurswechsel«, »Einschnitte« und »schwere Operationen«.

Heute, nach fünf »hartzreichen« Jahren, dämmert selbst manchem Sozialdemokraten: Schröder war nicht nur der Genosse der Bosse, sondern wohl auch der reaktionärste Kanzler der Nachkriegsgeschichte. Eben ein wahrer Repräsentant seiner Gönner. Zum Beispiel von Thomas Middelhoff, der – wie es in der Anzeige heißt – »mutig ändert, was geändert werden muss«. Middelhoff ist ein Reformer der Extraklasse: Karstadt und Quelle gegen die Wand gefahren, Kaufhausmieten auf das eigene Konto gelenkt, die Zukunft von zehntausenden Beschäftigten ruiniert und schließlich als Gründer einer Heuschreckenfirma in London gelandet.

Ein anderer Bruder im Geiste ist Wendelin Wiedeking. Auch er hat keine Zweifel: Hartz IV ist »überlebensnotwendig für den Standort Deutschland«. Später zeigt der Porsche-Chef, dass sein Patriotismus keine Grenzen kennt. Mit einem Jahresgehalt von 77,4 Millionen Euro bricht er im Geschäftsjahr 2007/2008 alle Rekorde. Und im Rausch des Größenwahns soll Porsche den Giganten Volkswagen schlucken. Am Ende kommt’s umgekehrt, und Wiedeking muss gehen. Verabschiedet mit einem Regelsatz für besonderen Bedarf: 50 Millionen Euro Abfindung. So viel Gerechtigkeit muss sein.
Ganz nah am Volk sind auch andere Gestalten in Schröders Unterstützerschar. Etwa Martin Kohlhaussen, von 1991 bis 2001 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, die damals Steuerhinterziehung für reiche Kunden im großen Stil organisierte. Oder Werner Müller, der als Wirtschaftsminister im ersten rot-grünen Kabinett die Interessen der Energiekonzerne vertrat, um nach seinem Ausscheiden sogleich mit dem Chefposten der Ruhrkohle AG belohnt zu werden. Nicht zu vergessen der umtriebige Unternehmensberater Roland Berger. Er war nicht nur Mitglied der Hartz-Kommission, sondern erhielt auch millionenschwere Consulting-Verträge zu Lasten der Bundesanstalt für Arbeit. Nie zuvor hat ein Sozialdemokrat eine solch ehrenwerte Gesellschaft deutscher Spitzenmanager hinter sich versammelt. In patriotischer Pflicht dabei sind Gunter Thielen (Bertelsmann AG), Gerd Schulte-Hillen (Gruner + Jahr), Jürgen Weber (Deutsche Lufthansa), Johann Lindenberg (Deutsche Unilever), Michael Frenzel (TUI) und Hans-Peter Keitel (Hochtief). Publizistische Rückendeckung liefern die ehemaligen Medienchefs Manfred Bissinger (Die Woche), Wolfgang Kaden (Managermagazin), Werner Funk (Stern und Spiegel), Michael Jürgs (Stern und Tempo) und Helmut Thoma (RTL). Die Krönung: Mit Michael Rogowski und Dieter Hundt sind auch die Präsidenten der Arbeitgeberverbände BDI und BDA im Boot.

Sie alle wissen, wofür der entschlossene Reformkanzler steht: weniger Steuern und mehr Freiheit für die da oben, für Reiche; weniger Rechte und mehr Druck für die da unten, für Lohnabhängige und Arbeitslose. Im Dienste der edlen Herren und mit dem Segen von Günter Grass gilt nun: anschaffen für Kapital und Kanzler, auch wenn’s das Herz zerreißt.

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