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Blühend leerer Osten

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Junge Frauen verlassen die neuen Bundesländer in Richtung Westen.

Die Gründe liegen auf der Hand: Hohe Jugendarbeitslosigkeit, schlechte

berufliche Perspek-tiven und niedrige Löhne

Evelyn Süß ist aus Köln nach Erfurt zurückgekehrt. Aber nur für kurze Zeit. Sie will hier, wo ihre Familie lebt und wo sie vor wenigen Jahren ihr Abitur gemacht hat, ihr Kind zur Welt bringen. Danach zieht sie nach Frankfurt/Main. Dort wird sie mit dem Baby und ihrem Freund, der aus Suhl kommt, zusammenleben. Evelyns Freund hat Arbeit in Frankfurt/Main gefunden. Die Ausbildung zum Mediengestalter machte er noch in Suhl, aber der Betrieb, der ihn ausbildete, hat ihn nicht übernommen und der, in dem er dann Arbeit fand, ging irgendwann pleite. Evelyns Mutter wohnt zwar noch in Erfurt, doch einen Job fand sie in Heidelberg und ist jetzt eine von vielen, die zwischen Ost-Leben und West-Arbeit pendeln.

Evelyn Süß hat sich in Köln zur Biolaborantin ausbilden lassen. Das ist ihr Wunschberuf. Beworben hatte sie sich zum Beispiel auch in Jena, fast 30 Bewerbungen waren es insgesamt. Am Ende wurde es Köln, eine Stadt, die der 23-Jährigen inzwischen gut gefällt, in der sie sich wohlfühlt. Die Ausbildung sei sehr gut gewesen, sagt sie, und in Köln finde man auch schnell Kontakt zu den Menschen. Nun aber zieht Evelyn Süß erst einmal der Arbeit ihres Freundes hinterher und nach dem Erziehungsurlaub wird sie sich in Frankfurt/Main einen Job suchen. Sie ist sich sicher, den eher dort zu finden als in Erfurt oder Umgebung.
Frauen gehen dorthin, wo die Chancen besser stehen.
So ist das eben mit dem Osten. Da kann eine Familie noch immer nur von zwei Einkommen leben, im Westen von anderthalb. Da machen mehr Mädchen als Jungen den besseren Schulabschluss und deshalb gehen auch mehr jun-ge Frauen als junge Männer Richtung Westen. Eben dorthin, wo die Chancen besser stehen, von seiner Hände oder seines Kopfes Arbeit auch
leben zu können.
Roland Claus, dessen Wahlkreis in Sachsen-Anhalt liegt, sagt: »Man sieht es in den Städten, dass die jungen Frauen fehlen. Aus fast jeder Familie ist inzwischen jemand in die alten Bundesländer gegangen. Und natürlich gehen zuerst die besser Ausgebildeten, die jungen Leute. Was, bitte schön, nützen da Mehrgenerationenhäuser, wenn die junge Generation abwandert. Das sind hilflose und zugleich lebensfremde Vorschläge.«

Der CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, rief im Februar diesen Jahres den Männern sei-nes Bundeslandes zu: »Holt Frauen nach Sachsen-Anhalt, qualifiziert euch und sucht euch dort Frauen, wo es welche gibt, um dann gemeinsam zurückzukehren.« Das klingt hilflos und naiv zugleich. Die Prognosen sagen, dass Sachsen-Anhalt im Jahr 2025 weniger als zwei Millionen Einwohner haben wird, fast ein Drittel weniger als 1990. Was für Sachsen-Anhalt gilt, stellt sich
in anderen ostdeutschen Bundesländern nicht weniger dramatisch dar.
Junge Leute kommen nicht zurück, man fühlt sich wie begraben.
Monika Brockmann ist Augenärztin. Bis 2002 lebte und praktizierte sie in Mecklenburg-Vorpommern in der kleinen Stadt Bützow. Heute ist sie in Eschborn, nahe Frankfurt/Main zu Hause. Die Praxis in Bützow lief bis 1997 gut, dann kam mit der Budgetierung medizinischer Leistungen und sinkenden Patientenzahlen die Krise. Die glaubten Monika Brockmann und ihr Mann noch mit dem Versuch, eine Pension als zweites Standbein zu eröffnen, zu meistern. Und scheiterten: an den Bedingungen, an den Menschen, die keine guten Nachbarn waren, an der Situation im Ganzen. »Die jungen Leute gehen, es kommt nichts dazu, es ist tot, man fühlt sich wie begraben«, so beschreibt die Augenärztin die Situation. 2002 übernahm sie eine Praxis in Eschborn. Die läuft gut. Monika Brockmann will nicht zurück in den Osten. »Ich bin aufgebrochen«, sagt sie, »und froh, dass ich den Absprung geschafft habe. Zurückkehren werde ich nicht.«

Sozialwissenschaftler beschreiben die typische ostdeutsche Abwanderin so: Sie ist 22 Jahre alt, hat eine Ausbildung abgeschlossen oder geht einer Arbeit nach, erfährt aber nicht genügend Wertschätzung. Sie erlebt, dass Männer bevorzugt werden und ist überzeugt, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie ein Kind bekommt. Ihre Angst, trotz guter Qualifikation keiner angemessenen Arbeit nachgehen zu können, nährt sich durch die ökonomische Krise des Ostens, in der Frauen nachweislich benachteiligt werden.

Das klingt nicht, als ließe es sich mit ein bisschen Kosmetik ändern. Inzwischen gibt es zahlreiche »Rückkehrinitiativen«, so auch in Sachsen-Anhalt. Sie setzen vor allem auf regelmäßigen Kontakt zu den Abgewanderten. Die Bereit-schaft zurückzukehren sei hoch, heißt es. Aber die Bedingungen, die müssten sich eben ändern.
Keine Arbeit, kein Geld, keine Partnerin - da haben Neonazis ein leichtes Spiel.
Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit dem Titel »Not am Mann« beschreibt Ursachen und Folgen der Abwanderung vor allem junger qualifizierter Frauen aus Ostdeutschland: Die Regionen verarmen, ein Teil der zurückbleibenden Männer bildet eine neue
Unterschicht, rechte Parteien und
Gruppierungen erhalten Zulauf. Roland Claus weiß darum: »Keine Arbeit, kein Geld, keine Partnerin - wenn da die Neonazis kommen und sa-gen, so einen wie dich brauchen wir, haben sie oft ein leichtes Spiel.«

Evelyn Süß gefällt es auch in Erfurt. Sie mag die Stadt, in der ihr Bruder Henry und ihre Schwester Irene leben. Hier ist in den vergangenen Jahren auch viel passiert, die Innenstadt sieht schön aus, urban und lebendig. Wer Arbeit hat und damit auch sein Auskommen, fühlt sich sicher wohl hier.
Irene jedenfalls ist glücklich, ihre große Schwester Evelyn jetzt für ein paar Wochen wieder zu Hause zu haben. So-lange, bis der kleine Neffe auf die Welt gekommen ist. »Wenn ich was finde, gehe ich später auch weg«, sagt Irene, die Verkäuferin gelernt hat. »Ich warte noch, bis mein Freund seine Ausbildung beendet hat, und dann werden wir uns umsehen.« Zurzeit arbeitet die junge Frau als Verkäuferin in einem kleinen Supermarkt.

Die Situation in den neuen Bundesländern sei europaweit einmalig, resümiert die Studie »Not am Mann«. In wirt-schaftsschwachen Regionen fehlten bis zu 25 Prozent der jungen Frauen. Die Magde-burger Sozialwissenschaftlerin Christiane Dienel sagt: »Solange der Osten ein ökonomisches Krisengebiet ist, kann man niemanden aufhalten, der gehen möchte.«

Vor allem aber, sagt Roland Claus, könne man auch niemanden zurückholen in solche Krisengebiete. »Das könnte sich erst ändern, wenn die Bundespolitik den Osten nicht länger als Alimentierungsfall, sondern als neue Transformationschance begreift, bzw. bei einer neuartigen Kombination von Aus- und Weiterbildung, sozialer Grundsicherung und Kinderbetreuung.« Doch das ist noch ein weiter Weg.

Monika Brockmann und sicher auch Evelyn Süß werden wohl für immer nur zu Besuch nach Hause kommen. Hannah Hoffmann

Evelyn Süß brachte am 4. September 2007 in Erfurt ihren Sohn Tobias gesund zur Welt. Clara gratuliert!

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