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Bildung zu Lasten der Jugend - sich anpassen bringt nichts

erschienen in Clara, Ausgabe 10,

Lucia Schnell ist Referentin für Hochschulpolitik - der Bundestag ist für sie manchmal wie ein Raumschiff - eine Art Parallelgesellschaft zum wahren Leben.

Ihr Lachen fällt einem zuerst »ins Gesicht«. Oder ist es doch mehr die Art, wie sie erzählt? Klare Sprache, die ohne Schnörkel geradeaus vom Leben erzählt. Dabei wird sie im Januar erst 30. Trotzdem, zu sagen hat sie viel. Wenn sie - wie so oft - abgehetzt um die Ecke kommt, scheint’s, sie wolle ihrem Namen alle Ehre machen. Lucia Schnell ist seit 2007 Referentin für Hochschulpolitik in der Linksfraktion. Das heißt: viel Arbeit, viele Probleme und viele Anstrengungen, will man, wie Lucia, die Welt verbessern. Mit weniger gibt sie sich nicht zufrieden. Bildungspolitik ist ihr Thema - zugleich auch das Modethema der Regierungskoalition. Außer einem Bildungsgipfel, der mehr ein »Bildergipfel« war, ließ die Kanzlerin bislang nicht erkennen, dass Bildung bei ihr tatsächlich zur Chefsache geworden ist. Angela Merkel berauscht sich an der Kühnheit starker Worte, die eher wie hohle Sprüche vorbeischlendern, weil man sie gerade gut vermarkten kann. Lucia ist wütend: »Lauter leere Versprechungen, wie immer in den vergangenen Jahren. Angela Merkel hat mindestens bis zur nächsten Bundestagswahl den Geldhahn zugedreht.« Die junge Frau weiß, wovon die Rede ist, hat selbst erst vor wenigen Jahren ihr Studium abgeschlossen. Politisch aktiv war sie damals wie heute. Und wenn sie so gefragt werde, sei sie eigentlich schon von klein auf politisch erzogen worden.

Ein progressives Elternhaus macht Schule

Lucia Schnell kommt aus Freiburg im Breisgau, einem der linken Zentren der alten Bundesrepublik. Sie wuchs parallel in zwei WGs - Wohngemeinschaften - mit Achtundsechzigern auf und lernte rasch, Fragen zu stellen. »So konnte ich meinen Eltern und allen anderen Erwachsenen Löcher in den Bauch fragen.« Zwischen diesen beiden Informationen, wartet eine kleine Pause. Sie wird überbrückt mit diesem hintergründigen Lächeln, das erfahren will, ob die Ge-sprächspartnerin den Einschub auch verstanden hat. Sie hat! Lucias Eltern waren linke Juristen und rebellierten gegen die starre Enge ihrer Zeit. Aufbruchstimmung, Wünsche nach Veränderungen und Visionen bekam das Kind mit auf den Weg. Nichts wurde Lucia geschenkt. Sie erlebte, dass auch ihre Eltern hart arbeiten mussten, um über die Runden zu kommen. Es war die Zeit der Atomkraftgegner und der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss. Wen wundert es, dass Lucia später selbst mitmischen wollte. Erst wurde sie Klassen- dann Schülersprecherin am Deutsch-Französischen-Gymnasiums in Freiburg. Rebellisch sei sie immer gewesen. Zusammen mit anderen Schülerinnen und Schülern organisierte sie einen Streik und besetzte 1997 das Freiburger Oberschulamt. Die Gründe dafür sind heute aktueller denn je. Schon damals ging es im reichen Baden-Württemberg, um mehr Geld für Schulen und Hochschulen und gegen die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre. Das peitschte Annette Schavan, frühere Kultusministerin in Baden-Württemberg durch. »Damals haben wir gegen sie demonstriert, heute setzt sie ihre Elitenpolitik als Bundesministerin fort.« Der Schülerstreik sollte nicht ohne Folgen für die Abiturientin Lucia Schnell bleiben. Obwohl sie die Beste ihres Jahrgangs war, weigerte sich der konservative Rektor, sie für ein Stipen-dium der Studienstiftung des Deutschen Volkes vorzuschlagen. Zwei prägende Erfahrungen aus dieser Zeit seien ihr geblieben, erzählt Lucia heute: Sie habe zum ersten Mal eine Massenbewegung und Solidarität erlebt und weiß seit-dem, dass Anpassung nichts bringt.
»Immer mit 8 gibt’s ne neue Rebellion. Das war 1848, 1918 und 1968 so. 1998 ist meine Generation dran, die Dinge zu verändern«, dachte die junge Lucia mit 14. Heute lacht sie darüber und weiß, dass es eine eigenwillige Interpretation von geschichtlichen Zusammenhängen war. Und doch sollte sie mit ihrer Philosophie der »magischen Acht« recht behalten. Im Winter 1997 streikten Hunderttausende Studierende wegen der verfehlten Bildungspolitik. Die Proteste nahmen an der Uni in Gießen ihren Anfang, wo es für die Erstsemestler keinen Platz mehr in den Hörsälen gab. Die Studienbedingungen wurden für viele junge Leute immer katastrophaler und sind bis heute Ausdruck von Bildungskürzungen und Kommerzialisierung. Dieser Streik sollte nicht Lucias letzter gewesen sein.
Sie geht nach Berlin, ist begeistert von der Stadt und zieht in eine Wohnung mit Ofenheizung im östlichen Stadtteil Pankow. Das sei eine Art Selbstversuch gewesen, wie sich 19. Jahrhundert am Ende des 20. anfühlt, wird sie später darüber sagen.

Tränengas und Aufbruch

Sie studiert an der Freien Universität Berlin Geschichte im Hauptfach, Politik und Lateinamerikanistik in den Nebenfächern. Die sozialen Bewegungen in Lateinamerika, besonders in Bolivien, interessieren sie. Zum Glück ist sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort und erlebt hautnah 2003 in La Paz, wie aus Protestbewegungen Rebellion wird, der es gelingt, eine korrupte Regierung aus dem Amt zu fegen. Noch heute habe sie den Geruch von Tränengas in der Nase, der damals die bolivianische Hauptstadt durchtränkte. Der Weg bis zum Sieg der progressiven Kräfte, die Euphorie des Aufbruchs in eine sozial gerechtere Welt waren für Lucia Bestätigung, dass es sich lohne, Zeit und Kraft zu investieren. Mittendrin im Geschehen, habe sie Diskussionen und Aktionen in La Paz erlebt, die sie wohl nie mehr vergessen werde. Sie kommt aus Bolivien zurück und erlebt zu Hause die Proteste gegen die Agenda 2010 und die Gründung der WASG. »Für mich war klar, dass wir eine Partei links von der SPD brauchen.« Sie baut in Berlin-Neukölln den Bezirksverband der WASG mit auf.
Nach der Wahl 2005 arbeitet sie für DIE LINKE im Bundestag. Hier erlebt sie den krassen Unterschied zur Universität. »Der Bundestag ist eine bestens aus-gestattete geschlossene Gesellschaft«, sagt Lucia. In der Bibliothek sei alles gebührenfrei. Es gäbe keine Leihfristen, und selbst Kopien seien kostenlos. Ein wissenschaftlicher Dienst stünde immer zur Verfügung, im hauseigenen Reisebüro genüge ein Anruf. Wenn der Computer defekt ist, käme der Service ins Büro. Alles ginge reibungslos. Davon könnte man an den Universitäten nur träumen.

Bildung ist ein Menschenrecht
Engagiert bereitet Lucia dieser Tage die erste Studierendenkonferenz der Fraktion DIE LINKE vor: »Kick it like Hessen - Studiengebühren abschaffen«. Wenn es in Hessen die Studierenden geschafft haben, die sozial ausgrenzen-den Gebühren für ein Studium zu kippen, sollte es auch in den sieben anderen Bundesländern gelingen. Studiengebühren bedeuten Auslese nach Geldbeutel. »Wir wollen gemeinsam mit Studierendenvertretungen und aktiven Studierenden diskutieren, wie wir aus der Bildungsmisere rauskommen. Die Hochschulen werden weiter kaputtgespart. Die Hörsäle sind genauso überfüllt wie 1997, als der Streik losbrach. Der Leistungsdruck auf die Studierenden ist mit den Bachelorstudiengängen noch stärker gewachsen. Viele brechen ihr Studium ab, weil sie zwischen Nebenjob, Pflichtmodulen und Klausurendruck verzweifeln«, sagt Lucia. Wir brauchen Hochschulen, die sozial offen sind und nicht aussieben, sondern motivieren. Lucia setzt große Hoffnungen auf den Kongress, damit mehr junge Leute rebellieren und sich an den Universitäten und Hochschulen engagieren.

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