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Besonders NORMAL. Wie Inklusion gelebt werden kann

erschienen in Lotta, Ausgabe 8,

Inklusion ist das Zauberwort der Gegenwart. Doch wie sieht der Alltag aus? Wie nahe kommen wir dem Ideal, dass „behindert/nicht behindert“ keine Relevanz mehr hat? Das Buch „Besonders NORMAL“ von Minka Wolters öffnet Augen und Herzen.

 

 

 

 

Minka Wolters ist Journalistin, Sachbuchautorin und Mutter. Sie hat drei Kinder, alle gesund und munter. Mädchen und Jungen, die anders sind, kannte sie vor dem Schreiben ihres Sachbuchs nicht. Nicht aus ihrer Kindheit, auch nicht aus ihrem persönlichen Freundeskreis. Hingeschaut, hingehört und hinterfragt hat sie diesen so anderen Alltag von Erwachsenen, Kindern und Geschwistern erst, als sie in der Buddelkiste eine Mutter mit behindertem Kind beobachtete. Die beiden Mütter kamen ins Gespräch und Minka Wolters lernte weitere Frauen und Männer, Eltern von Kindern mit ganz unterschiedlichen Beeinträchtigungen, Erwachsene im Rollstuhl oder mit Glasknochen, Pädagogen, Erzieher, Mediziner, Hebammen kennen. Die Gespräche hat sie aufgezeichnet und sie sind im Ch. Links Verlag unter dem Titel „Besonders NORMAL“ erschienen.

 

Was sich da aufblättert, berührt in vielfacher Hinsicht. Da ist die Kraft und der Mut der Eltern, die große Freude über kleine Erfolge ihrer Kinder, aber auch Wut und Verzweiflung über Behördenignoranz, das Angestarrt werden in der Öffentlichkeit, der zähe Kampf um Kindergarten- und Schulplätze in sogenannten normalen Einrichtungen. Spielen und Lernen inmitten von Mädchen und Jungen ohne Handicap. Normal ist das keineswegs. Und das, obwohl in der Bundesrepublik seit nunmehr fünf Jahren die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung rechtskräftig gilt. Was fehlt, ist ein Umdenken, wohl auch und besonders bei uns, den anderen. Das beginnt bereits bei der Frage: Was heißt Inklusion beziehungsweise Integration? Letzteres bedeutet, das Hineinnehmen in ein bereits existierendes System. Inklusion jedoch meint ein gemeinsames System für alle Menschen, keine Ausgrenzung und Stigmatisierung, und zwar von Beginn an.

Das braucht neue Wege, andere Rahmenbedingungen und stellt auch die Philosophie des Immer-schneller-höher-weiter-besser unserer Lebenswelt infrage. Und bleibt Inklusion nicht doch ein Wunsch in einem Schulsystem, das bereits nach der Grundschule Kinder aussortiert? In Leistungsstarke und Leistungsschwache! Wie selbstbestimmt können Menschen mit Handicap später ihre Existenz bestreiten, wenn knapp 40 000 Unternehmen sich lieber „freikaufen“, anstatt behinderte Menschen auszubilden. Es ist ein mutiges, facettenreiches Buch, einfühlsam geschrieben. Nach dem Lesen ahnt man, Besonders NORMAL braucht einen langen Atem. „Inklusion ist kein Expertenthema. Es ist ein Thema, das die Zustimmung aller erfordert und deshalb gesamtgesellschaftliche Bedeutung besitzt.“ Ein Zitat der Aktion Mensch.

 

Minka Wolters

Besonders NORMAL. Wie Inklusion gelebt werden kann

224 Seiten, Ch. Links Verlag, 16,90 Euro