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Belegschaft gegen Bertelsmann

erschienen in Clara, Ausgabe 28,

In Itzehoe in Schleswig-Holstein kämpft die ganze Stadt gegen die Schließung  der Druckerei Prinovis. Es geht um mehr als 1100 Arbeitsplätze

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die große Tiefdruckerei Prinovis 3,8 Millionen Euro Gewinn. 1100 Menschen arbeiten hier in Schleswig-Holstein, viele von ihnen seit mehr als 20 Jahren. Im Jahr 2004 gab die damalige Bundesregierung aus SPD und Grünen mit ihrem „Ersten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ der Expansion mies bezahlter Leiharbeit erst richtig Schwung. Großunternehmen wie Bertelsmann und Springer, zu denen Prinovis gehört, nutzten die Gelegenheit, um die Löhne zu drücken, anstatt mit klugen Investitionen unternehmerisches Risiko zu übernehmen und neue Geschäftsfelder zu entwickeln.

Das Gesicht des neuen Arbeitsmarkts hat längst bei Prinovis Einzug gehalten: 680 Festangestellte, etwa 300 Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter, die für 6,20 Euro die Stunde arbeiten, 20 Auszubildende und rund 100 Beschäftigte in Werkverträgen. Dieses Gefüge des Schreckens war lange Zeit Bedrohung genug. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verzichteten gegen Beschäftigungsgarantien auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Trotzdem beschließt Bertelsmann, den Betrieb in Itzehoe im Sommer 2014 zu schließen. Die wirtschaftlichen Lebensadern Itzehoes, zu denen Prinovis gehört, die Zulieferbetriebe, die Familien und Lebenspläne, die hinter 1100 Menschen stehen, die Perspektiven der Stadt und der Region haben in unternehmerischen Planungen keinerlei Platz mehr. Gemeinsinn? Fehlanzeige. Demokratie auch hinterm Werkstor? Was juckt es den Bertelsmann-Konzern, der mit diesen Wertorientierungen so gern seine Stiftung und damit sein Unternehmen bewirbt, wenn es konkret wird.

Am 23. Februar zeigte in Itzehoe eine ganze Stadt, dass sie solche Entscheidungen nicht mehr klaglos hinnimmt. 2000 wütende, entschlossene Demonstrantinnen und Demonstranten, darunter Parteien, die Kirche, Gewerkschaften, die Feuerwehr und Vereine, meldeten sich zu Wort. Betriebsräte des Klinikums in Itzehoe und des Callcenters D+S, selbst Betriebsvertreterinnen anderer Bertelsmann-Unternehmen wie der Financial Times Deutschland solidarisierten sich mit den Beschäftigten.

Anfang März besuchten Bernd Riexinger, Vorsitzender der Partei DIE LINKE, und Cornelia Möhring, stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion DIE LINKE, den Betriebsausschuss des Prinovis-Betriebsrats und die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter. Eines der Ergebnisse dieses Gesprächs: Jetzt müsse es darum gehen, die am 15. April beginnenden Verhandlungen mit Bertelsmann mit sichtbaren Demonstrationen vor der Konzernzentrale zu verbinden.
Als „unsozial und schäbig“ bezeichnete der Prinovis-Betriebsrat Torben Mey die eigene Geschäftsleitung. Gute Abfindungen, mit denen ein Stück Zukunft planbar ist, und langfristige Transfermaßnahmen seien das Mindeste, wofür hier gekämpft werde, sagt er.

Doch insgesamt geht es um gute Arbeit in der Region. Die zahlreichen Kommentare zu den Berichten des NDR über den Aufstand einer ganzen Region zeigen allerdings auch, wie tief sich Marktradikalität schon ins Alltagsdenken eingefressen hat: „Ein Unternehmen beschäftigt Mitarbeiter, solange die Firma mit diesen Gewinn machen kann. Und wenn dieser Gewinn nicht mehr zu machen ist, muss man doch die Firma verkleinern oder schließen können. […] Wer eine Firma gründen will, sollte dies besser in einem anderen Land machen, wo Leute noch dankbar ihre Arbeit verrichten und nicht irgendwelche Ansprüche haben, die vom anderen Stern kommen könnten.“

Doch dies lassen die um den sozialen Zusammenhalt in der Region Kämpfenden nicht auf sich sitzen. Sie erläutern, wer hier die Gewinne erwirtschaftet, und kontern deutlich: „Das Einzige, was hier vom anderen Stern kommt, sind die Gewinnerwartungen der Frauen Liz Mohn und Friede Springer.“

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