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Bayerns kurzer Frühling der Freiheit

erschienen in Klar, Ausgabe 10,

Vor 90 Jahren stürzte die Revolution in Deutschland Kaiser und Könige

Als im November 1918 in Deutschland die Revolution ausbricht, bekommt der 22-jährige Bauarbeiter Sepp Hahn davon nichts mit. Seit zwei Jahren sitzt er im bayrischen Passau im Kerker. Sein Verbrechen: Er hat in der Armee Flugblätter gegen den Krieg verteilt.

Hahns Schicksal erleiden zwischen 1914 und 1918 Tausende von Arbeitern. Im Streit um die Vorherrschaft in Europa hatten die Regierungen der Großmächte im August 1914 den 1. Weltkrieg begonnen. Obwohl die Bevölkerung hungert, lässt die Regierung in den Fabriken Sprengstoff statt Dünger produzieren. Rund 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder sterben, Millionen überleben als Krüppel. Das Deutsche Reich ist eine Militärdiktatur, die Kriegsgegner gnadenlos verfolgt.
Ende Oktober 1918 meutern Kieler Matrosen gegen den Krieg. Ihr Aufstand weitet sich innerhalb von Tagen aus: Im ganzen Reich streiken hunderttausende Arbeiter und Soldaten, um den Kaiser zu stürzen und den Krieg zu beenden. Kaiser Wilhelm II. flieht. In Berlin löst die Republik die Monarchie ab. In München ruft Kurt Eisner, ein unabhängiger Sozialdemokrat, den Freistaat Bayern aus und wird erster Ministerpräsident.

Von alldem erfährt Sepp Hahn erst zwei Monate später, als ihn zwei Soldaten aus dem Gefängnis befreien. Sofort eilt er nach Ingolstadt, wo er im Krieg stationiert war. In der kleinen Stadt finden täglich Versammlungen und Kundgebungen statt, an denen sich Tausende beteiligen. Hahn tritt dem örtlichen Arbeiter- und Soldatenrat bei, in dem Anhänger verschiedener Parteien über die Zukunft der Stadt entscheiden.

In ganz Deutschland ist der alte Staat durch den Sturz des Kaisers gelähmt. Vielerorts organisieren Arbeiterräte das öffentliche Leben. Sie verteilen Lebensmittel an die hungrige Bevölkerung, ersetzen die alte Polizei durch Arbeiterwehren und streiten für bessere Arbeitsbedingungen.
Sepp Hahn schließt sich der Kommunistischen Partei an. Mit der Revolution verbindet er den Menschheitstraum einer Welt ohne Hunger und Krieg. »Wir müssen die Besitzer der Banken und Fabriken enteignen«, ruft er auf einer Versammlung, »den Arbeiter- und Soldatenräten gehört die Zukunft!«

Zur gleichen Zeit paktieren Unternehmer und Generäle, unterstützt von zahlreichen Führern der SPD, um die Räte-Bewegung niederzuschlagen. Im Norden Deutschlands bekämpfen nationalistische Freikorps ab Januar 1919 die Arbeiterräte. Im Februar ermordet der rechtsradikale Graf Arco-Valley in München Kurt Eisner.

Als am 9. April die Freikorps in Ingolstadt einrücken, flieht Sepp Hahn nach München, um die wenige Tage zuvor gegründete Räterepublik Baiern gegen die Armee zu verteidigen. Einen Monat später fällt München. Für Hahn endet der kurze Frühling der Freiheit abermals im Kerker.

Das passierte während der November-Revolution:

  • 31. Oktober 1918: Meuterei der Kieler Matrosen gegen den Krieg.
  • Anfang November 1918: Bildung von Arbeiter- und Soldatenräte im ganzen Reich.
  • 7. November 1918: Sturz König Ludwigs III. Gründung des Freistaats Bayern.
  • 9. November 1918: Generalstreik in Berlin. Sturz des Kaisers. Proklamation der Republik.
  • 10. November 1918: Pakt zwischen Reichskanzler Ebert (SPD) und der Armeeführung.
  • 6. Dezember 1918: Gescheiterter Putschversuch rechter Offiziere in Berlin.
  • 5.-6. Januar 1918: Streiks und Massenkundgebungen in Berlin.
  • 9. Januar 1918: Niederschlagung des Aufstandes durch Reichsregierung und rechte Freikorps.
  • 15. Januar 1919: Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
  • 19. Januar 1919: Wahlen zur Nationalversammlung.
  • März und April 1918: Aufstände und Massenstreiks unter anderem im Ruhrgebiet, im Saarland und in Sachsen.
  • 7. April 1918: Proklamation der Räterepublik in München.
  • 2. Mai 1919: Niederschlagung der Revolution in Bayern.

Zu den Errungenschaften der Revolution zählen unter anderem: die Einführung des Wahlrechts für Frauen, die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages und die Anerkennung der Gewerkschaften als Tarifparteien.

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