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Bauern finden keine Frauen

erschienen in Querblick, Ausgabe 5,

Lebensbedingungen von Frauen im ländlichen Raum verschlechtern sich stetig

Millionen Menschen verfolgen jede Woche, wie das private Fernsehen heiratswilligen Bauern bei der Suche nach einer geeigneten Partnerin behilflich sein will. Dabei laden sie Städterinnen ein, für einige Tage auf dem Hof zu leben. Diese sollen nicht nur das Herz der Single-Bauern erobern, sondern auch unter Beweis stellen, dass sie für das Landleben geeignet sind. Neben der Arbeit auf dem Acker und im Viehstall sollten sie – nach Anweisung der potenziellen Schwiegermütter – auch für das leibliche Wohl des müden Landwirts sorgen können. Die Sendung bedient damit ein vorgestriges Geschlechterbild. Doch scheinbar gibt es ja in den Städten glücklicherweise ausreichend zivilisationsmüde Frauen, die harte Arbeit und traditionelle Rollenteilung nicht scheuen und die Chance zu einem Leben auf dem Land beim Schopfe packen wollen. Oder einfach nur ins Fernsehen wollen.

Im echten Leben wünschen sich junge Landwirte längst keine Frau mehr an ihrer Seite, die »nur« Bäuerin ist. So zeigte eine Befragung des Evangelischen Bauernwerkes, dass solche patriarchalen Einstellungen unter künftigen Landwirten längst überholt sind. Berufliche Selbstständigkeit von Frauen durch außerlandwirtschaftliche Erwerbsarbeit als Ergänzung des Haushaltseinkommens wird durchaus begrüßt. Diese Haltung entspricht längst der Realität auf deutschen Höfen. So werden hierzulande derzeit mehr als ein Drittel der landwirtschaftlichen Arbeitsleistungen von Frauen, vorwiegend in Teilzeit, erbracht. Die außerbetriebliche Erwerbstätigkeit, nicht selten im schlecht bezahlten Dienstleistungssektor, bietet Frauen auf dem Land häufig eine existenziell wichtige Einkommensergänzung.

Dennoch steckt ein wahrer Kern im Klischee der einsamen Bauern: Das weibliche Geschlecht ist auf dem Lande eindeutig in der Unterzahl. Insbesondere junge, qualifizierte Frauen wandern in die Städte ab. Besonders erschreckend ist hier die Entwicklung in Ostdeutschland. Bei näherer Betrachtung der Lebenssituationen von Frauen in ländlichen Räumen ist diese Entwicklung jedoch wenig verwunderlich.

Die Beschäftigungsperspektiven für Frauen sind nicht nur in der Landwirtschaft sehr schlecht. Auch im außerlandwirtschaftlichen Bereich sind attraktive Beschäftgungsmöglichkeiten für sie rar. An qualifizierten Ausbildungsmöglichkeiten mangelt es ebenso wie an entsprechenden Arbeitsplätzen. Von hoher Arbeitslosigkeit sind aufgrund des strukturellen Wandels außerdem nicht nur ostdeutsche, ehemals in der Landwirtschaft tätige Frauen betroffen. Vielmehr bleiben die Jobchancen im ländlichen Raum nahezu grundsätzlich nur denjenigen Frauen vorbehalten, die jung, gut ausgebildet, ungebunden und mobil sind.

Dementsprechend gering ist das Einkommen von Frauen auf dem Land: Eine Studie des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) von 2006 untersuchte auch die Einkommensverhältnisse der im ländlichen Raum lebenden Frauen. Demnach verfügen ganze 16 Prozent über gar kein eigenes Einkommen, weitere 31 Prozent haben monatlich weniger als 1000 Euro netto in der Tasche. Zum Vergleich: knapp 1000 Euro beträgt derzeit auch die Höhe der Pfändungsfreigrenze. Damit hat der Gesetzgeber eine Schwelle angegeben, unter die Einkommen aus Arbeit auch dann nicht sinken darf, wenn der Arbeitende verschuldet ist. So soll das individuelle sozialrechtliche Existenzminimum gesichert werden. Eine individuelle Existenzsicherung ist derzeit also für knapp die Hälfte (47 Prozent) der im ländlichen Raum lebenden Frauen nicht möglich.

Obendrein ist die Belastungsgrenze der verfügbaren Infrastruktur des ländlichen Raumes wie ÖPNV, Gesundheitsversorgung und öffentliche Kinderbetreuung in großen Teilen Deutschlands erreicht. In erster Linie bekommen Frauen die Folgen der Einsparungen verstärkt zu spüren, denn noch immer sind sie zum überwiegenden Teil für die Versorgungs-, Pflege- und Familienarbeit verantwortlich und müssen somit die Defizite des öffentlichen Angebots kompensieren.

Solange den raumbedingten Ungleichheiten in Deutschland nicht konsequent entgegengewirkt wird, werden es weiterhin die Frauen sein, auf deren Rücken die Probleme des ländlichen Raums ausgetragen werden. DIE LINKE streitet deshalb für gleichwertige und geschlechtergerechte Lebensverhältnisse, damit der ländliche Raum sowohl im Stadt-Land- als auch West-Ost-Vergleich für Frauen und Männer wieder attraktiver Lebensraum wird.
Jutta Kühl

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