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Auf den Spuren der Interbrigaden

erschienen in Clara, Ausgabe 4,

Gesine Lötzsch lud junge Leute zu einer außergewöhnlichen Reise ein

Für viele ist ein Urlaub in Spanien nichts Besonderes. Millionen Deutsche haben dort schon ihre Ferien verbracht. Sie kennen die Costa Brava, die Rambla in Barcelona, vielleicht auch Gaudi und Dali. Doch wer war schon in Spanien auf den Spuren der Interbrigaden unterwegs? Dieses Glück hatten 13 Jugendliche. Sie gewannen den Wettbewerb »Zivilcourage - vereint«, welchen Gesine Lötzsch seit drei Jahren ausschreibt.
»Sie können diese Reise nicht buchen: Nicht bei uns, nicht bei TUI - nirgendwo. Sie können diese Tour nur gewinnen«, sagte Gesine Lötzsch zu einem Anrufer, der von unserer Antifa-Reise nach Katalonien in der Zeitung gelesen hatte.

Beim ersten Mal noch allein, die vorangegangenen beiden Jahre zusammen mit neun weiteren Bundestagsabgeordneten der Linksfraktion. Die Jugendlichen hatten die Aufgabe, sich mit Rechtsextremismus auseinanderzusetzen. Vorgaben gab es nicht und so wurden Filme gedreht, Theaterstücke aufgeführt und Friedensfeste organisiert. Die Autorinnen und Autoren der besten Beiträge wurden mit einer Studienreise nach Katalonien prämiert. Klaus Singer war mit dabei und hat über die Tage in Spanien ein Reisetagebuch geführt:

29. März, Flughafen Schönefeld

Tinko hatte mit allen Gewinnerinnen und Gewinnern telefoniert, doch wir kennen keinen von Angesicht. Ich spreche einen jungen Mann an. Volltreffer. Es ist Tim aus Mecklenburg-Vorpommern. Wir machen uns untereinander bekannt und steigen in den Flieger.
In Barcelona werden wir von Pepe und Jordi empfangen. Pepe ist Präsident der »Erde der Brüderlichkeit«. Der Verein hat sich die Aufgabe gestellt, an die Verteidigung der Spanischen Republik (1936-1939) zu erinnern. Jordi - Sohn eines katalanischen Interbrigadisten - ist unser sachkundiger und temperamentvoller Reisebegleiter.

Pepe erzählt beim Mittagessen etwas über die Franco-Zeit. Das Land ist in dieser Frage immer noch gespalten. Erst in den letzten Jahren hat sich so etwas wie eine Erinnerungskultur entwickelt. Das Thema kommt immer noch nicht in den spanischen Schulbüchern vor. Neben mir sitzt Daniel (18). Wir unterhalten uns über seinen Geschichtsunterricht. Ich will wissen, was er über den Putsch in Chile, über die Sandinisten in Nikaragua, die Revolution in Kuba und natürlich über die Spanische Republik weiß. Daniel gibt zu, dass er in der Schule kaum etwas von diesen Ereignissen gehört hat.

30. März, Port-Bou

Ich esse wunderbare Sardinen. Die besten, die ich je gegessen habe: kross gebraten, mit viel Knoblauch und gutem Olivenöl. Vor allem sind sie ganz frisch. Nach dem Essen geht es zum Grab des Philosophen Walter Benjamin. Er liegt auf dem Friedhof von Port-Bou. Man sagt, er habe Selbstmord begangen. Eine Auslieferung an die Gestapo drohte, da nahm er sich das Leben. Vor dem Friedhof steht ein Denkmal für Walter Benjamin. Es ist eine rostbraune Metalltreppe, die zum Meer führt. Ein wirklich ungewöhnlich schönes Denkmal.

31. März, Argelès

Im Februar 1939 verlassen die Interbrigadisten Spanien. Von der demokratischen französischen Regierung werden sie nicht mit offenen Armen empfangen, sondern am Strand von Argelès interniert. Es gab für die 100000 Menschen keine Unterkünfte, keine Toiletten, nur Stacheldraht. Unter den Insassen befanden sich Kinder und schwangere Frauen. Die 25-jährige Elisabeth Eidenbenz, die schon in Spanien als Krankenschwester geholfen hatte, holte die schwangeren Frauen aus dem Lager heraus. Sie ließ mit Spenden innerhalb von drei Wochen in größter Eile ein verfallenes Haus herrichten. Unter einem Dach waren Frauen aus 50 Nationen zusammen. Die ersten Wiegen waren alte Gemüsekisten.

1. April, La Vajol

In La Vajol, einem kleinen Ort in den Pyrenäen, empfängt uns der ehemalige Bürgermeister Miquel. La Vajol war der letzte Fluchtort der Republikanischen Regierung. Miquel musste mit neun Jahren mit seiner Mutter seine Heimat verlassen. Er lebte lange Zeit in Belgien im Exil. Bei den ersten freien Wahlen nach Franco wurde er 1979 zum Bürgermeister gewählt. 20 Jahre hat er das Amt ausgefüllt. Der alte Bürgermeister, der unter Franco gedient hatte, verklagte Miquel nach seiner Amtszeit wegen angeblichem Amtsmissbrauch. Miquel wurde freigesprochen, doch er blieb auf den hohen Gerichtskosten sitzen. Die Entschädigung wurde bis heute nicht ausgezahlt. Die Frankisten wollten ihn mit juristischen Mitteln in den finanziellen Ruin treiben. Sie selbst wurden nie bestraft. Im Gegenteil, viele von ihnen sind immer noch in der Politik aktiv.

2. April, Barcelona - Corbera

Höhepunkt ist der Besuch des Ehrenfriedhofs für die ermordeten Spanienkämpfer in Barcelona. In einem Steinbruch ließ Franco nach dem Ende des Bürgerkrieges Tausende seiner Gegner erschießen. Am Gedenkstein von Hans Beimler legt Gesine Blumen nieder. Dann geht es weiter in die Terra Alta, nach Corbera. Abends kommen wir kaputt in der Stadt an, essen Abendbrot und trinken in unserer kalten Wohnung eine Flasche Wein. Wir packen unsere Schlafsäcke aus und träumen vom sonnigen Spanien.

3. April, La Fatarella

In La Fatarella befindet sich der Ehrenhain für die Interbrigadisten, die bei der Ebro-Schlacht ihr Leben gelassen haben. Mehr als 100000 Menschen wurden getötet. Joseppe, der Bürgermeister von La Fatarella, fährt uns mit seinem Jeep zum Ehrenhain. Felix, Nicole, Ines und Rio dürfen auf einem Pick-up in die Berge fahren. Sie haben großen Spaß, die Fahne der Interbrigaden im Wind flattern zu lassen. Sie sind in dem gleichen Alter wie die Interbrigadisten vor 70 Jahren.

Pepe hat für uns ein Konzert der Gruppe »Gra Fort« organisiert. Es findet in einer kleinen Kneipe statt. Die Band hat eine große Anlage aufgebaut, obwohl es wohl auch ganz ohne Verstärker gegangen wäre. Die Musik heizt richtig ein. Gesine hält eine flammende Rede, die von Applaus unterbrochen wird, danach dröhnt die Musik, und kein Wort ist mehr zu verstehen.

4. April, La Corbera

Nach der Besichtigung des Bürgerkriegsmuseums bittet Anika den Leiter des Museums, uns die alten Schützengräben zu zeigen. Nach zwei Minuten hat sie ihn überzeugt. Er schließt einfach das Museum ab und wir fahren zu den Schützengräben. Die sehen aus wie gut gemauerte Keller. Wir klettern auch in Höhlen, die von den Republikanern als Unterstand genutzt wurden. Kasim schlüpft in jeden engen Tunnel und kommt nach wenigen Minuten an einer anderen Stelle wieder rausgesprungen. Kasim geht nie einfach geradeaus. Er springt, klettert, ist oben und unten - unglaublich.

Am letzten Tag werten wir die Reise aus. Alle waren begeistert und wollen nächstes Jahr auf den Spuren des griechischen Widerstandskampfes mit dabei sein. Doch das geht nicht. Es wird noch dieses Jahr ein neuer Wettbewerb ausgelobt und nächstes Jahr werden wieder Jugendliche aus dem ganzen Bundesgebiet eine Antifa-Reise erleben.

Zum Abschied gibt Gesine den Jugendlichen noch ein paar Worte auf den Weg: »Ihr seid privilegiert. 99 Prozent eurer Altersgruppe wissen weniger über die Spanische Republik, über Franco und die Interbrigaden als ihr. Erzählt euren Freunden von dieser Fahrt, von den Begegnungen und den Schicksalen.« Diese Aufforderung trägt bereits Früchte: Ines hat eine Veranstaltung in ihrer Hamburger Schule organisiert. Und vor ein paar Tagen rief mich Daniel an und erzählte mir, dass er seinen Geschichtslehrer gefragt habe, ob er im Unterricht einen Vortrag über die Spanische Republik halten könne. Der Lehrer stimmte zu, obwohl dieses Thema nicht im Lehrplan steht.

Das vollständige Tagebuch kann auf www.zivilcourage-vereint.de gelesen werden.

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