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Auf dem Weg zu den Sternen …

erschienen in Clara, Ausgabe 32,

... sind zwei junge Mitarbeiter der Fraktion DIE LINKE. Sie wollen ins Europäische Parlament. Der eine Ost, der andere West, beide mit der Vision: Ein soziales Europa ist machbar

Es ist eine Art kleiner Vorstellungsmarathon. Für Martin Schirdewan gibt es im April und Mai kaum einen Tag ohne Verabredung, ohne Gespräche, ohne Begegnung. Und immer geht es nur um eins, um Europa. Schirdewan mag das, diese direkten Fragen, Auseinandersetzungen, Kontroversen. Er gehe gern zu den Leuten, egal, ob mitten in Berlin im Europäischen Haus, weiter draußen im grünen Stadtteil Hohenschönhausen, irgendwo im Land Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen. Schirdewan ist 38 Jahre alt, Politologe. Als Student war er zum ersten Mal in Brüssel, lernte das Zusammenspiel linker Parteien unter dem Dach des Europäischen Parlaments kennen. Promovierte dazu, wenig später entstand das Sachbuch »Links – kreuz und quer. Die Beziehungen innerhalb der europäischen Linken«. Er weiß, wovon er redet, er ist ein guter Zuhörer, auch ein guter Erklärer. Nie ist etwas einfach, schon gar nicht schwarz-weiß. Am Pariser Platz in Berlin-Mitte sitzt er beispielsweise mit jungen Leuten zusammen. Eine Art Memory-Spiel bestimmt die Themen. Gibt es identische Bilder, soll er – der linke Kandidat für Europa – spontan erzählen, was ihm dazu mit Blick auf die europäische Politik einfällt. Ein Kartenpaar zeigt Jugendliche. Schirdewan erzählt von Fördertöpfen, Stipendien, Ausbildungshilfen, Praktika, vom Studieren und Reisen europaweit, vom gegenseitigen Akzeptieren der Studien- und Berufsabschlüsse. Er zeigt aber auch die andere Seite der Medaille auf, spricht von den Verwerfungen, von hoher Jugendarbeitslosigkeit. Spanien und Griechenland weit über 50 Prozent, dicht gefolgt von Portugal, den osteuropäischen Mitgliedsländern, der verdeckten Beschäftigungslosigkeit junger Leute im eigenen Land. Eine verlorene Generation, richtig gut ausgebildet, am Ende jedoch gar nicht, befristet oder prekär beschäftigt, verursacht und hausgemacht durch eine fatale Spar- und Krisenpolitik.

Zugegeben, den Veranstaltern – man sitzt immerhin in der Europäischen Vertretung – gefallen diese Zusammenhänge nicht wirklich. Ein Intervenieren ihrerseits. Es seien aber Zahlen und Fakten aus dem Hohen Haus in Brüssel selbst, kontert Martin Schirdewan in seiner freundlich leisen Art. Sein Wunsch, sein Wollen: Die Gemeinschaft muss das dritte Versprechen einlösen. Bislang sei sie eine Wirtschaftsunion, eine Währungsunion, aus stehe immer noch die soziale Union. Dass das geht, wenn auch in geduldigen Tippeltappelschritten, kennt Martin Schirdewan aus seinem Job als Referent für ostdeutsche Politik in der Bundestagsfraktion und aus der Arbeitsgemeinschaft Ost. In den neuen Ländern gibt es immer noch den sogenannten Faktor zwei, sagt er. »Doppelt hohe Arbeitslosigkeit, doppelt hoher Niedriglohnsektor, doppelt hohe Kinderarmut.« Zunächst regionale Ungleichheiten zwischen Ost und West, mittlerweile jedoch schlagen sich auch Regionen wie der Ruhrpott, Schleswig-Holstein oder Bremen mit ähnlichen Strukturwandelproblemen herum. Die Suche nach Wegen »Wie raus aus diesem Teufelskreis?«, sei damit längst eine gemeinsame geworden, erklärt Schirdewan. Das »Modell West, Wachstum auf Teufel komm raus« habe ausgedient. Die Menschen ahnen es, Gesellschaftswissenschaftler belegen es, und vor Ort, in den Regionen entstehen neue Partnerschaften, eigene Wirtschaftskreisläufe, unabhängige Energieunternehmen, gemeinsam mit Energieanbietern. Egal, ob in Hessen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen oder anderswo. Martin Schirdewan hat das erlebt, mit auf den Weg gebracht und befördert – als wissenschaftlicher Mitarbeiter und guter Vernetzer. Bislang hinter den Kulissen, in der zweiten Reihe. Jetzt will er sein Können erstmals in der ersten Reihe beweisen: als Abgeordneter in der gemeinsamen Fraktion der Linken im Europäischen Parlament.

»Europa geht anders …«

… sagt Fabio De Masi und setzt hinzu: »Sonst wird es scheitern«. De Masi ist studierter Volkswirt, 34 Jahre alt, europäisch lebend von Geburt an. Letzteres sei ihm einfach in die Wiege gelegt worden, verrät er seinen nur wenig jüngeren Zuhörern im Hörsaalrund der Ruhr-Universität Bochum. Seine Mutter war Gaststudentin in Italien, der Vater Italiener und er sei dann »passiert«. Lacher, Beifall in der ohnehin locker leichten, aber neugierigen Atmosphäre der Studierenden. De Masi ist eingeladen, gemeinsam mit Europawahlkandidaten anderer Parteien, zur Debatte über Europa. Es geht um Demokratie und die Krise der Europäischen Union. Es schwirren Begriffe wie soziale Gerechtigkeit, gemeinsame, immer noch fehlende soziale Standards, parlamentarische Souveränität, Macht der EU-Kommissare, Ohnmacht des Brüsseler Parlaments und wirtschaftliche Ungleichheiten zwischen Podium und Fragenden hin und her. Fabio De Masi ist ein Mann der unaufgeregten Töne. Er antwortet schnörkellos, nimmt die Dinge auseinander, setzt sie zu einem neuen, einfachen Bild wieder zusammen. Er erinnert an das große Versprechen Europas: Wohlstand und Frieden. Das Versprechen ist nicht eingelöst, bis heute nicht. Finanziert wurden die Banken, bezahlt aber haben die Menschen. In mehrfacher Hinsicht: Die Arbeitnehmer in Deutschland mit Niedriglöhnen und der Euro-Rettung, die irische Krankenschwester oder der griechische Rentner mit Lohn- und Rentenkürzungen.

Gefragt, was ihn ins Parlament der Sterne zieht, erzählt De Masi von seinem italienischen Großvater. Der war Partisan, und ihm hörte das Kind Fabio oft und gerne zu. Der Opa ist längst gestorben, sein »Traum von Brot und Frieden in Europa« sei allerdings enttäuscht worden, erinnert sich der erwachsene Fabio. Dieses Vermächtnis des Großvaters der Wirklichkeit ein Stückchen näher zu bringen, wirkt wie ein leiser innerer Auftrag. Es gibt jedoch für den wissenschaftlichen Mitarbeiter von Sahra Wagenknecht auch ganz handfeste Überlegungen für DIE LINKE den Sprung ins Europarlament zu wagen. Heute zuständig für Wirtschafts- und Europapolitik, außerdem Dozent für Volkswirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, hatte er einst ganz bewusst in Hamburg begonnen, Volkswirtschaft zu studieren. Er wollte sich nicht länger anhören, dass Linke nichts von Wirtschaft verstehen. De Masi setzte im südafrikanischen Kapstadt noch den Master Internationale Beziehungen drauf, in Berlin den Master Internationale Volkswirtschaft. Seitdem erlebt er in Debatten Erstaunen, Respekt, Anerkennung. Denn nicht selten, so De Masi, werden linke Vorschläge als »soziales Gedöns« abgetan. Wirtschaftliche Kompetenz überrascht, bricht das Klischee des Publikums.

Im Moment hat Fabio De Masi unzählige solcher Begegnungen und Gespräche. Häufig zwei, drei am Tag. Er ist dafür quer durch die Republik, vor allem aber in seiner alten Heimat Hamburg und im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen bis zum 25. Mai, dem Sonntag der Europawahl, ständig auf Achse. Das ist nicht immer einfach, schon gar nicht, wenn ein kleiner Sohn den Vater zwischendurch auch mal zum Spielen haben möchte. Aber, so Fabio De Masi, wenn man im Europaparlament der Macht der Banken und der Konzerne etwas entgegensetzen kann, sei ihm kein Weg zu weit. Sein Sohn fragte ihn kürzlich, was cooler sei: Batman oder Abgeordneter. Das sei eine schwierige Frage, sagt der junge Vater. Seine Antwort: »Auch ich fliege viel durch die Gegend und kämpfe gegen das Ungerechte.«

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