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Atomkraft? Nie wieder.

erschienen in Clara, Ausgabe 22,

Trotz Atomausstieg: Noch nie wurde ein Castor-Transport so lange aufgehalten wie in diesem Jahr. Einheimische Bauern und Bürgerinitiativen, Aktivistinnen aus ganz Deutschland und Europa, die Kirche und DIE LINKE vertrauen nicht auf die Atompolitik der Bundesregierung und protestierten massenhaft.

Der Bauernaufstand
Donnerstag, 18.30 Uhr. Vor der heißen Phase präsentieren Bauern ihre schwergewichtigen Argumente: Traktoren, Erntemaschinen und Strohanhänger. Das ist die berüchtigte »Landmaschinenschau« in Metzingen, Einstimmung zum Widerstand der Bauern. Im Dorf sind etwa 2000 Menschen auf dem Weg zu Rolly’s TruckerSTOP, wo die Schau beginnt. Und dabei kann es schon mal – ausgerechnet auf der Bundesstraße – zu einem kleinen Stau kommen, der sich dann auch nicht mehr auflösen will. Doch die Polizei ist für die Blockade gerüstet. »Ich fordere Sie auf, einen Versammlungsleiter zu benennen, der sich vor dem Wasserwerfer einfinden soll«, tönt es aus einem großen Polizeiwagen. Die Menge lacht – und lacht dann nicht mehr, als der erste Regenguss auf sie niedergeht. Trotzdem dauert es noch eine Stunde bis zur Räumung. In den folgenden Tagen werden die Bauern auf ihre Weise kreativ. Ein Hänger verliert seine Ladung. Einige Tonnen Feldsteine blockieren die Zufahrtstraße für die Polizei. Südlich von Dannenberg hat plötzlich eine Wanderdüne die Straße erobert. »Das muss der Klimawandel sein«, meint ein Landwirt in bester Laune, als die Polizei den Sandhaufen inspiziert.
Demokratie direkt
Freitag, fünf vor 12. Die Fraktion DIE LINKE des niedersächsischen Landtags diskutiert in öffentlicher Sitzung über Atomkraft. Nicht in Hannover, sondern auf Holzbänken im nassen Gras, wenige Meter von der Castor-Bahnstrecke entfernt. Das Grundstück an der Dannenberger Bahnhofstraße gehört Kurt Herzog, Wendländer Urgestein des Wi-derstands und Landtagsabgeordneter der LINKEN. Kurt beginnt die öffentliche Fraktionssitzung. Solange der Atomausstieg nicht im Grundgesetz verankert sei, könne die Regierung den Beschluss jederzeit zurückdrehen, mahnt er. Deswegen sei der Widerstand so wichtig. Auch einige der vielen Gäste melden sich zu Wort. Kerstin Rudek, Sprecherin der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg schildert ihren Lebensalltag. Sie wohnt in einem Nachbardorf von Gorleben. Ihre Tochter ist an Krebs erkrankt. Bei den Neugeborenen des Wendlands ist der Anteil der Mädchen 19,5 Prozent niedriger als in Restdeutschland, erzählt die sechsfache Mutter. Für die Region ist der Atommüll eine ständige Bedrohung, für Deutschland eine Skandalgeschichte politischer Willkür.
Die Nachrichten vom Freien Radio Wendland
Samstag, 16 Uhr. 24 Freiwillige machen im Wendland Radio, 24 Stunden rund um die Uhr. Karsten ist einer von Ihnen. Seit drei Jahren wird er jeden Herbst zum Moderator im Wendländer Widerstandsradio. Auf der Esso-Wiese in Dannenberg steht er zwischen drei hölzernen Bauwagen. Das ist das Radiostudio, der pulsierende Informationsmittelpunkt der Region. Ständig klingelt in der Redaktion das Telefon. Aktivistinnen und Aktivisten rufen aus den Wäldern und von der Schiene an, um Informationen durchzugeben. »Eine Sitzblockade hat sich eben bei Harlingen gebildet. Die Polizei hat noch nicht zugemacht«, schallt es über den Äther. Überall im Wendland stehen Menschen wie gebannt vor Radios und Live-Tickern und verfolgen das Geschehen. Wo ist der Cas-tor? Wo formiert sich Widerstand? »Gestern Nacht haben wir eine E-Mail bekommen aus Brasilien«, freut sich Karsten. Nach einer kurzen Verschnaufpause macht er sich wieder an die Arbeit. »Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist«, schallt die Band Die Ärzte aus dem Wagen. »Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt!«
Parlamentarische Nachtschicht

Sonntag, 3.14 Uhr. Nach drei Stunden Schlaf steht Ralph Lenkert wieder auf. Die Nachtschicht des Dannenberger Büros der LINKEN hat den Bundestagsabgeordneten aus Jena alarmiert. Im Wald bei Hitzacker be-ginnt die Räumung der Gleisblockade. Immer wieder zeigt Ralph Lenkert seinen Bundestagsausweis, um als parlamentarischer Beobachter durch die Polizeisperren zu kommen. Vor Ort ein skurriles Bild: Auf einer Wiese bilden Mannschaftswagen einen großen Kreis, das sogenannte Gefangenensammellager, erleuchtet von mobilen Gaslaternen. Die ersten Blockierer treffen ein, mit Rucksack und Stirnlampe, abgeführt von jeweils zwei Polizisten. Ralph Lenkert spricht den Einsatzleiter an und ermahnt ihn, die Gefangenen fair zu behandeln. Weiter geht’s zum Bahndamm. Auch hier zeigt sich, dass die Polizei ziviler vorgeht, wenn sie unter Beobachtung steht. Uniformierte aus Rheinland-Pfalz wollen eine junge Frau mit einem Schmerzgriff zum Aufstehen zwingen. Ralph Lenkert protestiert, und die Polizisten mäßigen sich sofort. Bei Tagesanbruch ist das Lager mit 1400 Gefangenen gefüllt. Jens Petermann, Richter und ebenfalls Abgeordneter der LINKEN aus Thüringen, erwirkt, dass das Landgericht Dannenberg die »weitere Fortdauer der Ingewahrsamnahme […] für unzulässig erklärt«. Die letzten Gefangenen werden um 15.30 Uhr freigelassen, ohne dass sie ihre Personalien angeben müssen.
Die Widerstandsgemeinde
Sonntag, 14 Uhr. Im Gorlebener Wald steht ein großes Kreuz aus Holz. Davor hat sich eine Gruppe versammelt, ausgerüstet mit Wollmützen und Anti-AKW-Sonnen, vertieft ins Gebet. Heute ist nicht nur Tag der Atom-proteste, es ist auch der erste Advent. »Stellt euch vor, Gott wäre heute unter uns, als Protestierender«, spricht der Pastor Stefan El Karsheh zu der Protest-Gemeinde. »Würde er überhaupt zu uns finden, bei den Polizeikontrollen und Absperrungen?« Hinter dem Pastor steht groß und bedrohlich der Förderturm des Erkundungsbergwerks. 73 Millionen werden jährlich für den Ausbau des Salzstocks ausgegeben, nur 3,5 Millionen für die Erkundung anderer Endlagerstandorte. Für die Men-schen in der Region fühlt es sich an, als hätten Politik und Atomkonzerne die Sache schon längst beschlossen. Aber sie geben nicht auf: Seit 1989 findet jeden Sonntag um 14 Uhr ein Gottesdienst an den Gorlebener Kreuzen statt. »Wir beten für alle, die sich heute auf die Straße setzen, um den Castor zu blockieren, und wünschen ihnen viel Kreativität und Durchhaltevermögen«, predigt Stefans Frau Nadia. Die Gemeinde stimmt ein: »Herr, erbarme dich.«
Unwetterwarnung
Ein paar hundert Meter entfernt sitzen Nina und Martin auf der Straße, in der Sitzblockade von X-tausendmal quer. Nina lebt in Bonn. Martin wohnt in Bremen. Bei den letzten Castor-Protesten haben sie sich ineinander verliebt. Eine blaue Plane schützt das Paar vor dem Regen, der in Schauern auf die Blockade herabregnet. Das Wetter wird immer schlechter. Ab Windstärke sieben können die Atom-Behälter nicht vom Zug auf einen Lkw verladen werden. Bei diesen Windstärken werde es »zunehmend schwieriger«, die rund sechs Meter langen und an die 120 Tonnen schweren Behälter »präzise zu handhaben«, heißt es in einer Erklärung der Betreibergesellschaft. Im Wald wird es derweil weihnachtlich. Ein Wendländer Bläserchor stimmt »Stille Nacht, heilige Nacht« an und die Demonstranten summen mit. »Wir müssen uns weiter vorne hinsetzen«, sagt Nina, »da räumt die Polizei freundlicher, weil die Presse filmt.« Am Straßenrand werden Dixie-Klos verladen und Suppe wird gekocht. Die Nacht kann lang werden.
Ende im Gelände
Montag, 22 Uhr. Der 13. Castor-Transport erreicht nach 126 Stunden Fahrtzeit schließlich doch sein Ziel. Trotzdem haben die Atomkraftgegner einen Grund zum Feiern: Es ist der langsamste Castor-Transport der Geschichte. »Der Castor-Transport ist am Ende. Wir noch lange nicht«, erklärt Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Die vielfältigen Störaktionen, Blockaden und die riesige Großdemons-tration machen deutlich: Das Thema Atomkraft bleibt auf der Tagesordnung.

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