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Armut von Müttern, alleinerziehend und benachteiligt

erschienen in Clara, Ausgabe 12,

Jörn Wunderlich macht sich für Kinder stark. Und für ihre Eltern. Als familienpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion DIE LINKE versucht er, neue Perspektiven für Mütter, Väter und ihre Kinder aufzuzeigen. Doch angesichts der Politik von Familienministerin Ursula von der Leyen ist das nicht einfach. »Da wird alles als Erfolg verkauft. Frau von der Leyen betreibt pure Schönfärberei«, konstatiert der Abgeordnete. Etwa wenn es um die Armut von Kindern und Alleinerziehenden geht. Der neue Kinderzuschlag sollte diese Misere verhindern. Doch er gelangt nicht in die Hände derer, die ihn dringend brauchen. »Mit maximal 140 Euro ist der Höchstbetrag viel zu gering«, ärgert sich Jörn Wunderlich. Und statt der von Ursula von der Leyen verkündeten halben Million Kinder, die den Zuschlag erhalten sollten, bekommen ihn knapp 130000 Kinder. Der Rest der Anträge wird abgelehnt. Das muss radikal korrigiert werden, findet Wunderlich.
Bevor er Politiker wurde, war Jörn Wunderlich Richter, zuletzt Familienrichter. Er kennt die Probleme also aus der Praxis. Alleinerziehende sind fast ausschließlich Frauen. Sie haben ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Paare mit Kindern. Die aktuelle Familienpolitik erhält diesen Teufelskreislauf in Deutschland aufrecht.
Jedes sechste Kind lebt derzeit im Haushalt einer Alleinerziehenden. Fast jede zweite Mutter lebt mit ihren Kindern von Hartz IV. Und etwa 60000 von ihnen sind nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit nur deshalb arbeitslos, weil sie keinen Kitaplatz für ihre Kinder finden. Der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen zwingt viele, Teilzeit zu arbeiten. Viele müssen ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken, weil sie zu Niedrigstlöhnen arbeiten und viel zu wenig verdienen, um davon leben zu können.
Als die Kinder von Katrin Kempe zur Welt kamen, hat die junge Frau zuerst von der Sozialhilfe und später von Hartz IV gelebt. Seit zwei Jahren macht die 25-Jährige in Chemnitz eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Seither lebt sie zusammen mit ihren beiden Kindern vom Schüler-BaföG. Dazu kommen Wohn- und Kindergeld und der Kindesunterhalt, den der Vater zahlt. Insgesamt 1300 Euro. Das reicht überhaupt nicht. »Bei uns geht nichts außer der Reihe«, sagt Katrin. Tim, der fünfjährige Sohn, würde gern Akkordeon spielen lernen. Doch die Musikschule verlangt 30 Euro im Monat für den Unterricht. »Das tut mir dann furchtbar leid für mein Kind«, sagt Katrin. Aber leisten kann sie es sich nicht.
Beide Kinder gehen zurzeit noch in die Kita - die Kosten werden von der Stadt übernommen. Bis auf die knappe Haushaltskasse habe sie es gut getroffen, sagt Katrin. Die Ausbildung macht ihr Spaß. Sie hat Eltern und viele Freunde, die sie unterstützen. Die Nachbarin ist auch alleinerziehende Mutter. Mal passt die eine auf die Kinder auf, damit die andere ins Kino gehen kann. Manchmal essen alle zusammen, und es macht auch Spaß, gemeinsam zu kochen.
Trotz all dem drängt sich das Geld immer wieder in den Vordergrund von Katrins Sorgen. Tim kommt bald in die Schule. Seine Mutter habe sich schon mal nach einem Schulranzen umgeschaut und sei entsetzt gewesen: »Ich habe nie gedacht, was so ein Schulranzen kosten kann«, stöhnt sie und hofft, dass die Oma wieder aushilft.
Jörn Wunderlich ist immer wieder empört, wenn er von Lebensumständen wie diesen hört: »Die Bundesregierung hat Alleinerziehenden nichts zu bieten.« Das Elterngeld wird zu kurz gezahlt. Das Kindergeld ist zu niedrig. Die Arbeits-marktpolitik versagt, wenn es um alleinerziehende Mütter geht. Und die Ziele der Familienministerin bei der Kinder-betreuung sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Wunderlich ist überzeugt, »eine stabile Gegenwart der Eltern ist die Basis für eine erfolgreiche Zukunft unserer Kinder«.

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