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Armut - der Kampf um ein paar Euro aus dem Mülleimer

erschienen in Clara, Ausgabe 14,

Der Platzhirsch sprintet. Sein Revier liegt direkt vor den Kassenhäuschen der »Alten Försterei«. Dort, wo die Fans von Union Berlin aus Sicherheitsgründen ihre Bierflaschen abgeben müssen. Mit einer gelben Plastiktüte in der rechten Hand wetzt er hin und her. Manchmal recken sich ihm die Hände entgegen, manchmal stopft ihm einer eine Flasche direkt in seine Tüte. Meistens muss er sich bücken, um das Leergut vom Boden aufzuheben. Der Platzhirsch, so nennen ihn die Neuen unter den Flaschensammlern, sammelt seit dreißig Jahren. 47 Jahre ist er alt. In der Nähe hat er einen großen Einkaufswagen stehen. Dort verstaut er all die Flaschen in großen Säcken, die er bei seinem Sprint durch die Warteschlangen aufgelesen hat. Sein Wagen wird ihm 50 Euro bringen. Er sagt: »Wenn andere mein Revier betreten, dann gibt’s Stress.« Das Revier der anderen ist der Fußweg vom S-Bahnhof Berlin-Köpenick bis zum Stadion, vor allem die 200 Meter von der Fan-Kneipe »Abseitsfalle« bis zum Stadion. Es ist ein schmaler Pfad. Tausende laufen dort eng gedrängt zu den Spielen von Union Berlin. Wenn der Zweitligist abends spielt, ist der Waldweg stockfinster. Doch alle zehn Meter zucken Lichtstrahlen durchs Geäst. Sammler, die mit ihren Taschenlampen den Boden abtasten nach dunkel glänzendem Glas.

Micha schiebt eine Sack-Karre, die er als Depot nutzt. Er postiert sie neben sich am Rande des Wegs und späht. Sieht er einen Fan mit leerer Pulle, rennt Micha ihm nach, und bringt seine Beute in Sicherheit. Es gibt aber auch Momente, da fallen die Flaschen einfach auf den Boden, so viele, dass er einfach nur greift, was er zu fassen bekommt. Fast die ganze Zeit arbeitet er dann gebückt. Micha ist erst 36, und doch kennt er die Reviere für Flaschensammler wie kein Zweiter. Seit er 16 ist, sammelt er Flaschen in ganz Berlin. Eine Konkurrenz wie derzeit hat er noch nie erlebt. Vor wenigen Jahren, sagt Micha, habe es sich noch gelohnt, auf U-Bahnhöfen und Straßen zu suchen. Doch diese Zeiten sind vorbei. »Zu viele Alte, die dort die Mülleimer durchsuchen«, stöhnt Micha. Weshalb er sich auf Fußballspiele und Konzerte spezialisiert hat. Selbst da wird es schwieriger. Bei den Heimspielen von Union Berlin
etwa tummeln sich jedes Mal 40 bis 60 Sammler.

Armut nimmt enorm zu

Elfriede Brüning von der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot bestätigt Michas Beobachtungen: Früher hätten in Großstädten wie Berlin fast nur Obdachlose gesammelt. Heute seien es vor allem Rentner und Hartz-IV-Empfänger,»und das in einer ungeheuren Dimension«. Ein Ausmaß, das auch dem Normalverdiener nicht entgeht. Viele Menschen, sagt Brüning, stellten ihre Flaschen mittlerweile bewusst neben Mülleimer: »Quasi als Spende.« An so manchem Mülleimer in Berlin klebt inzwischen die Aufforderung, leere Flaschen direkt auf dem Boden zu deponieren.

Katja Kipping, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, kennt die Gründe für diese Entwicklung. »Schuld an solchen Zuständen sind die unterschiedlichen Regierungskoalitionen der vergangenen Jahre. Sie alle haben dazu beigetragen, dass wenige Menschen immer mehr und immer mehr Menschen immer weniger Ein-kommen haben.« Angesichts dieser Zustände sei es ein Hohn, dass auch die neue Regierung nicht zu wesentlichen Verbesserungen für Rentnerinnen und Rentner und Hartz-IV-Beziehende bereit sei. Fast 15 Millionen Frauen, Männer und Kinder müssen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze über die Runden kommen. Fünf Millionen Menschen mehr als vor zehn Jahren. Kein Wunder, dass auch immer mehr Menschen auf Essensspenden angewiesen sind. Doch im Gegensatz zu den Flaschensammlern würden diese Bedürftigen von der Öffentlichkeit ungenügend wahrgenommen, beklagt die Abgeordnete. Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln, Gerd Häuser, wies kürzlich bei einer Pressekonferenz darauf hin, dass eine Rekordzahl von mehr als einer Million Rentnern, Arbeitslosen und Alleinerziehenden auf kostenlose Mahl-zeiten angewiesen sei: »Seit der Einführung von Hartz IV hat sich die Zahl der Tafeln bundesweit auf 850 verdoppelt.«

Christa (68) ist eine dieser Neuen. Doch die Rentnerin ist nicht so schnell wie die anderen Sammler bei Union Berlin. Und mehr als drei Beutel kann sie ohnehin nicht tragen. Ihr Revier ist deshalb vor der Fankneipe »Abseitsfalle«. Vier Euro schafft sie an einem Fußballabend, wenn sie Glück hat. Die Idee zum Flaschensammeln hatte sie bei einem Fernsehbeitrag über Armut. Christa sagt, dass sie ihre erwachsenen Kinder mit dem Geld unterstütze. Sie fügt noch hinzu, ihre Kinder würden sich vor Flaschensammlern ekeln. Sie seien froh, dass ihre Mutter in anderen Stadtteilen und nicht im eigenen Kietz suche.

Angst geht um,krank zu werden

Sobald im Stadion die Hymne von Union erklingt und Tausende Kehlen den Sieg ihrer Mannschaft einfordern, muss sich Micha sputen. Er rennt nach Hause, um die Flaschen zu deponieren. Er muss am Bahnhof Köpenick stehen, sobald die Fans ihren Heimweg antreten. Wenn er schnell genug ist, kann sich Micha zwischendurch noch aufwär-men. Doch die zweite Fuhre ist ihm noch wichtiger. Die bringt - wenn es optimal läuft - noch einmal zehn Euro. Auf dem Waldweg ist es ruhig geworden. Die Flaschensammler sind unterwegs zu den Kiosken. Dort hoffen sie, die Flaschen auch loszuwerden. Doch deren Besitzer haben die Nase voll. Sie wollen nur Stammkunden das Pfand aus-zahlen. Berufen sich darauf, nur handelsübliche Mengen annehmen zu müssen. 100 Flaschen in einem Einkaufswagen fallen nicht unter »handelsübliche Mengen«. Die Supermärkte haben bereits geschlossen.
Jörg (47) ist noch unterwegs. Mit seiner kleinen Taschenlampe sucht er den Weg zum S-Bahnhof ab. Hier und da noch eine Flasche. Er ist Frührentner, hat vor zwei Jahren mit dem Sammeln angefangen. Das Geld reicht ihm nicht mehr, drei bis vier Euro pro Abend sind fest eingeplant. Drei- bis viermal pro Woche geht Jörg auf »Spaziergang«, wie er das nennt. Es sei doch gut, an der Luft zu sein. Wenn bloß nicht der Dreck überall wäre. Im Gebüsch entledigen sich die Fans nicht nur ihrer Flaschen. Viele pinkeln auch dahin, wohin der nächste seine Flasche hinwirft. Jörg hat Angst, irgendwann richtig krank zu werden. Jörg sucht nur im Kiez Köpenick. Zu Groß-Events würde er gerne fahren. Aber das Ticket für Bahn oder Bus kostet so viel, wie er an einem Abend mit dem Flaschensammeln verdient. Vor zwei Jahren, da reichte seine Flaschen-Tour vor den Union-Spielen sogar noch für den Eintritt. Jetzt ist das vorbei. Zu viele Sammler seien mittlerweile unterwegs.

Umso schlimmer, dass Behörden und Institutionen nun sogar noch die Reviere beschneiden und Flaschensammler kriminalisieren: Die Berliner Verkehrsbetriebe sahen sich vor wenigen Wochen veranlasst, das Durchwühlen von Mülleimern in U-Bahnhöfen offiziell zu verbieten. Man könne diesen Anblick den Fahrgästen nicht zumuten.

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